Israelischer Autor Uri Avnery zu Grass-Gedicht "Kritik-Verbot an Israel ist antisemitisch"

Der israelische Autor Uri Avnery nimmt Günter Grass in Schutz: Es sei antisemitisch darauf zu bestehen, dass Israel in Deutschland nicht kritisiert werden dürfe. Das Einreiseverbot für Grass in Israel empört derweil viele deutsche Politiker - dennoch will die SPD künftig auf seine Hilfe im Wahlkampf verzichten.

Der israelische Autor Uri Avnery nimmt Literaturnobelpreisträger Günter Grass in Schutz. Nicht dessen israel-kritisches Gedicht sei antisemitisch, sagte Avnery der Hannoverschen Neuen Presse. "Es ist antisemitisch, darauf zu bestehen, dass Israel in Deutschland nicht kritisiert werden darf." Israel wolle mit denselben Maßstäben wie andere Staaten gemessen werden. "Jede Einstellung, die besagt, dass Israel eine Art Sonderbehandlung haben muss, ist antisemitisch", sagte er.

Der israelische Schriftsteller Uri Avnery warnt davor, Kritik an Israel mit Antisemitismus gleichzusetzen.

(Foto: dapd)

Avnery sagte, es sei völlig unnötiger politischer Krawall, dass Deutsche und Israelis darum wetteiferten, "wer kann Grass mehr beschimpfen, und wer findet extremere Ausdrücke für ihn." Grass hatte in seinem umstrittenen Gedicht Was gesagt werden muss deutsche Waffenlieferungen an Israel kritisiert und dem Land vorgeworfen, einen Atomschlag gegen den Iran zu planen.

Das Einreiseverbot nannte Avnery "völligen Blödsinn", Israels früherer Botschafter Shimon Stein sagte, es sei überflüssig. Der jüdische Publizist Ralph Giordano hingegen meinte, er könne "die Regierung Netanjahu absolut verstehen".

Auch mehrere deutsche Politiker hatten das Einreiseverbot gegen Grass zuvor kritisiert. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Renate Künast, sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Am Ende reden alle über das Einreiseverbot und nicht mehr über den Inhalt von Grass." Der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, Rolf Mützenich, sagte der Süddeutschen Zeitung: "Das ist der Auseinandersetzung, die notwendig ist, unangemessen". Der außenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Rainer Stinner, kritisierte den Schritt in der SZ als "Überreaktion der israelischen Regierung".

Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe (SPD), sagte der Welt, souverän wäre es gewesen, wenn Israel Grass eingeladen hätte, damit dieser seine Vorurteile und Feindbilder anhand der Wirklichkeit überprüfen könne. Der Linken-Vorsitzende Klaus Ernst bezeichnete das Einreiseverbot in der Mittelbayerischen Zeitung als "absurd" und forderte, die gesamte Debatte zu versachlichen. Zwar sei die Politik der iranischen Führung inakzeptabel und gefährlich - es gebe aber kein Recht eines Staates auf einen Erstschlag. Der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder, forderte Grass im Tagesspiegel dagegen auf, sich für seine Kritik an Israel zu entschuldigen.

SPD-Politiker wollen auf Wahlkampfhilfe Grass' verzichten

Führende Sozialdemokraten kündigten unterdessen an, künftig auf Wahlkampfhilfe von Grass verzichten zu wollen. Mit seinem Gedicht zu Israels Atompolitik habe sich "die Frage von künftigen Wahlkampfunterstützungen für die SPD erledigt", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Christian Lange, der Welt.

Ähnlich äußerte sich der SPD-Politiker Robbe. "Ich möchte Grass nicht mehr in einem Wahlkampf für die SPD erleben", sagte er dem Blatt. Der Schriftsteller habe sich mit seinen jüngsten Äußerungen zwischen sämtliche Stühle gesetzt. "Wahlkampfaktionen mit Grass würden viele Sozialdemokraten jetzt als Provokation und nicht als Unterstützung empfinden." Davon abgesehen gelte mit Blick auf Grass: "Seine Zeit ist einfach vorbei."

Thierse widerspricht seinen Parteifreunden

Wolfgang Thierse widersprach seinen Parteifreunden. Einen vorzeitigen Ausschluss aus dem SPD-Wahlkampf halte er "nicht für sonderlich sinnvoll". Zudem sei völlig offen, ob der Schriftsteller überhaupt erneut Wahlkampf für die SPD machen wolle. "Er hat nie alle Positionen der SPD vertreten, sondern war ihr in kritischer Solidarität verbunden." Thierse warnte zugleich davor, Grass zum Antisemiten zu erklären. "Wenn man Günter Grass wegen dieser einseitigen kritischen Position zum Antisemiten macht, dann ist das fatal", sagte er.

Grass machte seit Jahrzehnten Wahlkampf für die SPD. In den 1960er Jahren hatte er sich leidenschaftlich für die Wahl des Sozialdemokraten Willy Brandt zum Kanzler eingesetzt. Seine Erfahrungen im Bundestagswahlkampf 1969 hatte Grass in dem Buch "Aus dem Tagebuch einer Schnecke" verarbeitet.