Roger Willemsen "Die Lüge ist die Schmiere der Gesellschaft"

Früher hätten Politiker zur Irreführung der Feinde gelogen, sagt Roger Willemsen. Heute führten sie mit ihren Lügen bisweilen das eigene Volk in die Irre. Ein Gespräch über den Fall Schröder gegen Bush und die Frage, welche Bedeutung die Unwahrheit für das alltägliche Leben hat.

Interview: Martin Zips

Die Lüge ist so alt wie der Mensch. Doch wie sieht das aus, wenn sich ehemalige Staatslenker wie George W. Bush und Gerhard Schröder der Lüge bezichtigen? Ein Gespräch mit dem Publizisten Roger Willemsen, der derzeit unter anderem mit seinem Programm "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. Die Weltgeschichte der Lüge" (mit Dieter Hildebrandt) durchs Land tourt.

SZ: Herr Willemsen, George W. Bush behauptet, Altkanzler Schröder habe ihm bei einem kleinen Treffen im Weißen Haus im Januar 2002 die volle Unterstützung für den Irak-Krieg zugesagt. Schröder behauptet das Gegenteil. Wer lügt?

Roger Willemsen: Gibt es jemanden, der so mutig ist, George W. Bush überhaupt noch etwas zu glauben? Ein Untersuchungsausschuss hat festgestellt, dass Bush in einer kurzen Zeit 246 Falschaussagen zu Massenvernichtungswaffen im Irak gemacht hat. Rumsfeld und Rice haben Zeichnungen von Dattelpalmen mit vermeintlich darunter versteckten Biowaffen-Laboren als geheimdienstlich gesicherte Erkenntnisse ausgegeben.

SZ: Und was ist mit der Vermutung von Laura Bush, bei einer Magen-Darm-Erkrankung ihres Gatten auf dem G-8-Gipfel in Heiligendamm könnte es sich um eine Vergiftung gehandelt haben ?

Willemsen: Unwahrscheinlich, dass Angela Merkel ausgerechnet zu einem kulinarischen Attentat gegriffen hätte.

SZ: Bush lügt also.

Willemsen: Das war stets sein Metier. Außerdem will er nicht weiter als unbeliebtester Präsident aller Zeiten dastehen, der er ja immer noch ist. Deshalb hat er ein Buch geschrieben.

SZ: Wie üblich sind Lügen in der Politik?

Willemsen: Der Irak-Krieg bietet eines der skrupellosesten Beispiele. Ich erinnere mich, wie Guido Westerwelle spekulierte, in wie vielen Stunden Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen München erreichen können. Er hat damit Wahlkampf gemacht.

SZ: An welche politischen Lügen denken Sie außerdem?

Willemsen: An Barschel natürlich. Oder an Roland Kochs Lüge, er kenne keinen einzigen Finanzakt der hessischen CDU, der an den Büchern vorbei vollzogen worden sei. Oder an Kohls Parteispendenlüge, als er einmal gefragt wurde: "Wussten Sie von illegalen Spenden?" Er antwortete: "Nein".

SZ: Bill Clinton hat niemals Joints inhaliert und hatte auch nicht "Sex mit dieser Frau".

Willemsen: Seine Sexualpraktik, die den Oralverkehr zwar ein-, aber den Sex ausschließt, findet sich selbst im Kamasutra nicht.

SZ: Wann sind Lügen in der Politik erlaubt?

Willemsen: Ich erinnere mich, wie ein CSU-Abgeordneter über Tschernobyl sagte: Wenn wir sofort nach dem GAU die Wahrheit verbreitet hätten, dann hätten sich mehr Menschen umgebracht, als später an der Verstrahlung starben. Ich hingegen glaube, dass am Ende Ingeborg Bachmann recht behält mit dem Satz: "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar." Früher wurde zur Irreführung des Feindes gelogen. Heute wird auch mal zur Irreführung des eigenen Volkes gelogen. Schon die Landkarte des politischen Lebens fußt übrigens auf der Lüge der Konstantinischen Schenkung. Der Kirchenstaat beruht auf einer Fälschung, und eine solche liegt auch der Gründungsurkunde der Stadt Hamburg zugrunde. Und die Reliquien Kölns? Bei so viel Schwindelei hilft nur noch Glaube.