Idomeni "So muss es nach dem Zweiten Weltkrieg ausgesehen haben"

Im Flüchtlingslager Idomeni herrschen katastrophale Verhältnisse. Ein Gespräch mit der Helferin Jeannette Hagen, die gerade von der griechisch-mazedonischen Grenze zurückgekehrt ist.

Interview von Lars Langenau

Jeannette Hagen ist Journalistin und engagiert sich gerade als Helferin in den Hotspots des Flüchtlingsdramas an den Grenzen der Europäischen Union. Vor ein paar Wochen half sie auf Lesbos und war bis gestern kurzzeitig in dem Dorf Idomeni an der Grenze zu Mazedonien.

SZ: Frau Hagen, wie sieht es in Idomeni aus?

Jeanette Hagen: Etwa 13 000 Menschen sind dort gestrandet. In einem Lager, das mal für etwa 2000 Menschen ausgelegt war. Es sind viele Frauen und Kinder. Ich würde schätzen, sie haben einen Anteil von 60 Prozent. Viele warten schon seit zwei Wochen und länger. Es werden immer mehr Menschen, das ist ein richtiger Treck, der sich über Kilometer hinzieht. Bereits zwanzig Kilometer vor dem Minidorf Idomeni mit gerade mal 300 Einwohnern gibt es ein weiteres Lager mit 20 Zelten an einer Tankstelle. Vorgestern Nacht gab es hier in der Gegend ein unglaubliches Gewitter und es hat aus allen Eimern geschüttet. Der Acker, auf dem die Zelte stehen, war völlig aufgeweicht. Es stehen dort jetzt Schlammseen. Und mittendrin die Zelte.

Was haben Sie dort gemacht?

Ich hatte es satt, immer nur die Bilder aus zweiter Hand zu sehen und wollte mir ein eigenes von den Zuständen dort machen, wollte wenigstens ein bisschen helfen und habe für die Organisation Dresden-Balkan-Konvoi Tee ausgeschenkt und Kekse verteilt.

Wie ist die Stimmung unter den Menschen?

Trampelpfade nach Norden

Noch harren die meisten Flüchtlinge an der Grenze zu Mazedonien aus. Doch einige suchen bereits nach anderen Wegen, auch über Albanien. Von Nadia Pantel mehr...

Es hat mich überrascht, wie freundlich ich aufgenommen wurde und man mich sogar noch einladen wollte. Die Menschen versuchen so gut es geht, ihre Würde zu wahren. Nur ist das kaum möglich. Vor zwei Tagen, als es nicht geregnet hat, fegte der Staub über die Felder. Zwischen den Zelten sind überall Lagerfeuer zum Wärmen. Die Asche flog dann auch noch durch die Luft. Und nun ist alles voller Matsch. Man lässt die Menschen da im Dreck, fast alle husten, es herrschen erbärmliche hygienische Zustände und es stinkt zum Himmel.

Gibt es keine Toiletten?

Doch es gibt Dixie-Klos, aber viel zu wenige. Es gibt auch zu wenig Zelte, die Großzelte des UNHCR reichen längst nicht mehr aus. Viele Familien wohnen in kleinen Iglu-Zelten. Ständig kommen Asylsuchende nach, die Griechenland über die östliche Ägäis erreicht haben und nun ihre Zelte auf den Wiesen und Feldern aufschlagen.

Woher kommen die Menschen?

Es sind vor allem Syrer, aber auch welche aus dem Irak und es werden von Tag zu Tag mehr. Das sind Bilder, die ich meinen Lebtag nicht mehr aus meinem Kopf bekommen werde. So muss es nach dem Zweiten Weltkrieg ausgesehen haben. Aber ich glaube nicht, dass die Menschen dort weichen werden, wenn die Grenze nach Mazedonien nicht aufgemacht wird. Sie haben schon so viel erlebt, so viel gesehen. Sie ertragen das alles mit einem bewundernswerten Gleichmut. Aber wenigstens die Frauen und Kinder muss man durchlassen. Was man denen zumutet, ist eine Schande. Wir müssen handeln, sonst entgleitet die Situation.

Wie verhält sich die griechische Polizei?

So wie ich es wahrgenommen habe, sehr menschlich und sehr bemüht. Sie spielen mit den Kindern, geben ihnen zu Essen. Aber im Grunde sind sie machtlos, weil die Mazedonier die Grenze dichtgemacht haben. Sie versuchen halt, die Lage einigermaßen zu kontrollieren.

Geflüchtet in die Not

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Wie viele Helfer sind vor Ort und woher kommen sie?

Die Griechen selbst steuern unglaublich viel bei und helfen. Aber es sind viel weniger Helfer dort als etwa auf Lesbos, wo aus aller Welt Menschen zusammenkommen und sich um die Ankommenden in Privatinitiative kümmern. Aber auch in Idomeni gibt es das: Etwa ein Student aus Irland, der für die Kinder zaubert. Oder ein Friseur, der den Menschen kostenlos die Haare schneidet. Immerhin ein wenig Freude inmitten der Katastrophe.

Werden Sie noch einmal dorthin fahren?

Wenn ich ehrlich bin, würde ich gern sofort wieder starten. Zu helfen hilft, mit den eigenen Emotionen besser zurechtzukommen. Ebenso wie das Schreiben hilft, das alles zu verarbeiten. Möglicherweise werde ich Ende März wieder vor Ort sein. Da bin ich für sechs Tage auf Lesbos tätig, da aber die Organisation Schwizerchrüz von Michael Räber auch Hilfskonvois nach Idomeni organisiert, kann es sein, dass ich einen begleite.