Horst Köhler und der Afghanistan-Einsatz Eine verhängnisvolle Aufnahme

Die Politik hatte die Brisanz nicht erkannt: Erst nach Hörerprotesten reagierten Politiker und Medien in Berlin auf das umstrittene Radio-Interview, das Horst Köhler auf dem Rückflug aus Afghanistan gab.

Von Daniel Brössler, Berlin

Es ist eine, auch technisch gesehen, problematische Aufnahme. Im Hintergrund ist Motorenlärm zu hören. Bundespräsident Horst Köhler befindet sich auf dem Rückflug nach Deutschland. Er war in China und dann zu einem Abstecher in Afghanistan, hat dort in Masar-i-Scharif die Soldaten der Bundeswehr besucht. Nun interviewt ihn der Journalist Christopher Ricke, stellt recht grundsätzliche Fragen zum Afghanistan-Einsatz.

Am Samstag, 22. Mai, senden die Schwesterprogramme Deutschlandfunk und Deutschlandradio Ausschnitte aus dem Gespräch. "Köhler fordert mehr Respekt für deutsche Soldaten in Afghanistan", werden die Agenturmeldungen darüber betitelt. Ganz am Ende einer Meldung der Agentur DAPD wird, eher beiläufig, auch Köhlers Radio-Äußerung über den Zusammenhang von "militärischem Einsatz" und "freien Handelswegen" zitiert. In Berlin bleiben diese Worte des Präsidenten zunächst ohne Echo. Nichts lässt vermuten, dass sie zehn Tage später zu Köhlers Rücktritt führen werden.

Wenn ein Lapsus passiert ist, äußern Hörfunkjournalisten gelegentlich die Hoffnung, dass sich dieser "versenden" möge. Köhlers Worte "versenden" sich nicht. Nicht Parteien und Politologen reagieren alarmiert, sondern die Hörer. Beim Deutschlandradio geht viel Beschwerdepost ein. Der Deutschlandfunk entscheidet, das Thema noch einmal aufzugreifen.

So wird am Morgen des 27. Mai Ruprecht Polenz, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, CDU-Politiker und ein besonnener Mann, zu den Äußerungen des Bundespräsidenten befragt. Polenz windet sich, die Situation ist ihm unangenehm. Der Bundespräsident habe sich "etwas missverständlich ausgedrückt", sagt er zunächst. Auf Nachfrage räumt er ein, dass es "keine besonders glückliche Formulierung war, um es vorsichtig auszudrücken". Weiter kann und will er in seiner Kritik nicht gehen, doch das Interview verfehlt seine Wirkung nicht. Das politische Berlin hört an Werktagen morgens Deutschlandfunk, Köhlers Äußerungen werden - mit Verspätung - zum Thema.

SPD, Grüne und Linke kritisieren Köhler zum Teil scharf, eine besondere Zurückhaltung aus Respekt vor dem Amt scheint es nicht mehr zu geben. "Wir wollen keine Wirtschaftskriege", sagt SPD-Parlamentsgeschäftsführer Thomas Oppermann. Gregor Gysi, Chef der Linksfraktion, behauptet, dass er erstmals offen das Staatsoberhaupt angreife und begründet dies damit, dass dessen Worte "unverantwortlich" seien. "Der Bundespräsident offenbart entweder Unkenntnis oder Ungeschicklichkeit", empört sich Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin. Köhler habe sich hoffentlich nur vergaloppiert, meint Trittin, andernfalls stünde der Bundespräsident mit dieser Äußerung nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes. Es ist dies eine Feststellung, die Köhler offenbar ganz besonders trifft.

Wer macht den Köhler?

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