Genozid an Armeniern 1915 Vertrieben, verhungert, verdurstet

Eine Gruppe armenischer Flüchtlinge 1915 in Syrien: Als angebliche Verräter ließ die jungtürkische Regierung sie aus ihren Häusern treiben und deportieren.

(Foto: Library of Congress/dpa)
  • Vor hundert Jahren wurden bis zu 1,5 Millionen Armenier und Angehörige anderer christlicher Minderheiten im Osmanischen Reich ermordet.
  • Als Vorwand für Verhaftungen, Deportationen und Morde diente eine Art Dolchstoßlegende nach einer Niederlage des Osmanischen Reichs im Krieg gegen Russland.
  • Auch deutsche Offiziere gehörten zu den Mittwissern und Mittätern des Genozids im verbündeten Osmanischen Reich.
  • Auch die Regierungsparteien in der Bundesrepublik scheuen den Begriff "Völkermord" - wohl aus Rücksichtnahme gegenüber der Türkei und aus Angst vor Entschädigungsforderungen.
Von Christiane Schlötzer

Als der Bürgerkrieg in Syrien das prächtige Aleppo noch nicht verwüstet hatte, da war die Stadt auch für ihre armenischen Silberschmiede bekannt. Namen wie "Istanbulyan" verrieten, wo deren Vorfahren ihre Handwerkskunst einst erlernt hatten - bevor sie in die syrische Wüste deportiert wurden. Offizielle Angaben über die Zahl der Armenier im ausgehenden Osmanischen Reich schwanken zwischen 1,3 und 2,1 Millionen. Am 24. April 1915 ließ die jungtürkische Regierung, die den Sultan faktisch schon entmachtet hatte, zunächst die politische und kulturelle Elite der Armenier Istanbuls verhaften.

Eine Art Dolchstoßlegende diente als Vorwand für den Völkermord

Als Vorwand dienten ihr Sympathien bei einem Teil der christlichen Armenier mit dem russischen Weltkriegsgegner. Das osmanische Heer hatte zuvor eine schwere Niederlage an der Kaukasusfront gegen die russischen Truppen erlitten. Kriegsminister Enver Pascha hatte seine leicht bekleideten Soldaten in eine Schlacht im Schnee geschickt und 100 000 Mann verloren. Danach wurde eine Dolchstoßlegende erfunden.

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Nicht nur im Südosten, sondern praktisch auf dem gesamten Gebiet der heutigen Türkischen Republik (die erst 1923 gegründet wurde) trieb man die Armenier als angebliche Verräter aus ihren Häusern und in langen Deportationszügen in Richtung Syrien.

Auch deutsche Offiziere gehörten zu den Mitwissern und Mittätern

Die Zahl der Toten - der Verhungerten und Verdursteten und der an Ort und Stelle Ermordeten - ist bis heute umstritten. Armenische Quellen sprechen von 1,5 Millionen Opfern. In der Türkei wird die Zahl weit niedriger angesetzt, auch wenn das osmanische Innenministerium nach dem Ersten Weltkrieg selbst von 800 000 Toten sprach. Oft wird vergessen, dass auch andere christliche Minderheiten wie die Aramäer Opfer der Vertreibungs- und Vernichtungspolitik wurden.

Zum Sterben in die Wüste getrieben

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Mitwisser und teils auch Mittäter waren, wie man in den 2005 veröffentlichten Akten des Auswärtigen Amtes nachlesen kann, auch deutsche Offiziere. Das Kaiserreich und die Osmanen waren Verbündete. Warnungen, auch von deutschen Diplomaten in Istanbul, schlug Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg in den Wind: "Unser einziges Ziel ist es, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht."

Am 24. April wird es im Bundestag eine Gedenkstunde geben. In einem gemeinsamen Antragsentwurf von Union und SPD taucht das Wort "Völkermord" wie in der Vorjahren nicht auf. Die Gründe: Rücksicht auf den Nato-Partner Türkei und womöglich auch die Angst vor Entschädigungsforderungen.

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