Hamburg St. Pauli hält Obdachlose mit Zaun auf Distanz

Mit einem drei Meter hohen Stahlzaun wollen Hamburger Politiker verhindern, dass Obdachlose unter einer Brücke im Hafenviertel kampieren. Für die Nachbarn bedeutet das Bauwerk ein Ende schwer erträglicher Zustände, andere sehen darin ein Symbol der Unmenschlichkeit. Für die Stadt ist der Zaun zum Politikum geworden.

Von Jens Schneider, Hamburg

Manchmal wünscht man sich, Politiker könnten die Zukunft vorhersagen. Könnte der Sozialdemokrat Markus Schreiber hellsehen, vielleicht hätte er den Zaun an der Kersten-Miles-Brücke am Hamburger Hafen nie errichten lassen. Zwar sagt der Bezirkspolitiker, dass er den Ärger habe kommen sehen. Doch er habe handeln müssen. Drei Meter hoch ist der Zaun, für seine Gegner ist er ein Symbol der Unmenschlichkeit. Denn er soll verhindern, dass unter dieser Brücke in St. Pauli Obdachlose kampieren - an einer Stelle, die bei ihnen als "beliebte Platte" gilt, also als Platz zum Übernachten. Seit gut einer Woche steht der Zaun nun. Täglich gibt es Proteste, Bürger legten dort Kränze nieder oder hängten Plakate auf, die das Ordnungsamt dann wieder abnahm.

Unter dieser Brücke schliefen jahrelang Obdachlose, bis die Stadt den Stahlzaun errichtete. Aus Protest gegen die Ausgrenzung hat sich dieser Obdachlose vor den Zaun gelegt.

(Foto: dpa)

Angesichts der Empörung will die Stadt einen Mediator einsetzen, den Präsidenten der Synode der Nordelbischen Kirche, Hans-Peter Strenge. Es ist kein einfacher Auftrag in diesem Streit mit langer Vorgeschichte. Jahrelang schliefen unter der Brücke bis zu 40 Obdachlose. Sie wurden geduldet, wie auch an anderen Stellen im Bezirk. "Wenn es keine Beschwerden gibt, drücken wir beide Augen zu", sagt Schreibers Sprecher. Wegen der Brücke aber häuften sich Beschwerden von Nachbarn, von einem nahen Seniorenheim, auch von Touristen. Der Ort sei ein "Angst-Raum" geworden.

Die Polizei klagte über schwer kontrollierbare Zustände und Schlägereien. Die Gärtner des Bezirks hätten gebeten, das Grün dort nicht mehr pflegen zu müssen, weil "überall Unrat und Notdurft zu finden war". Also beschloss der Bezirk, den Platz unter der Brücke umzubauen, damit er für Obdachlose nicht mehr attraktiv wäre. Ihnen seien Schlafplätze in Unterkünften angeboten worden, sagte der Sprecher. Als dennoch wieder unter der Brücke kampiert wurde, entschied Schreiber sich für den Zaun. Es gebe, sagt er, genug Plätze in Unterkünften.

Aber das bestreiten nicht nur Betreuer von Obdachlosen. "Es gibt nicht genug Plätze. Man kann die Leute nicht verscheuchen, ohne zu sagen, wo sie hinsollen", sagt der Straßensozialarbeiter Stephan Karrenbauer von Hinz & Kunzt, der Hamburger Obdachlosenzeitung. Er ist freilich froh über die Debatte: In der Stadt wird endlich rechtzeitig über die prekäre Lage der Obdachlosen gesprochen - und nicht wie sonst erst dann, wenn einer von ihnen in eisiger Winterkälte erfroren ist.