Hamburg Besuch bei einem G-20-Gegner in Untersuchungshaft

Solche Szenen haben den Gipfel geprägt: Vermummte ziehen durch Hamburg, plündern Läden, schmeißen Böller oder Pflastersteine.

(Foto: REUTERS)

Was sind das für Leute, die von der Hamburger Justiz für die Gewalt bei G 20 verantwortlich gemacht werden? Ein 18-jähriger Italiener hat mit der SZ gesprochen.

Von Ronen Steinke

Er trägt ein rosafarbenes T-Shirt mit Designeraufdruck, als er das letzte Mal demonstrieren geht vor dem G-20-Gipfel, es ist in seinem Heimatort Belluno, hoch oben in den italienischen Alpen. Er lächelt auf den Fotos, die seine Mutter davon gemacht hat. In linken Hochburgen wie Genua und Bologna mag der Stil der Szene mehr blocco nero sein, schwarz, Piercings, Tattoos; in Belluno eher nicht. Die Demonstranten campierten vor dem Spätrenaissance-Rathaus, um Passanten auf ein Staudammprojekt aufmerksam zu machen.

Fabio V., 18, gehört zu einer linken Gruppe im örtlichen Centro Sociale, einem besetzten Haus, wie es in Norditalien viele gibt. Höchstens zwanzig Leute sind sie, die Gruppe heißt il Postaz, ein derber, ironischer Name im Dialekt der Region Venetien. Grob übersetzt: Drecksloch. Wenn Fabio V. mit seiner Mutter Italienisch spricht, rollt er das "r" nicht, sondern spricht es kratzig aus, fast deutsch.

Es ist das erste Mal, dass der Junge ohne Eltern ins Ausland fliegt. Bei der Buchung des Flugs nach Hamburg hat ihm die Mutter geholfen. Als er abends in Hamburg ankommt, schreibt er ihr wie versprochen eine Whatsapp-Nachricht. Alles gut hier, keine Sorge. Es ist 23.18 Uhr. Die Mutter ist erleichtert: "bene :)"

Schon sieben Stunden später ist Fabio V. verhaftet, und nun, vier Wochen später, ist er einer von denen, die in Haft bleiben müssen. Von den anfangs 51 Haftbefehlen sind mittlerweile viele außer Kraft, weil die Beweise zu dünn waren oder weil keine Fluchtgefahr bestand. 32 sind übrig geblieben. Die Gruppe schrumpft. Fabio V. sitzt noch.

Was sind das für Leute, die sich im Schutz der Vermummung ihrer Zerstörungslust hingeben?

Nach dem G-20-Gipfel hat sich ein interessanter Konsens eingestellt in Hamburg. Viele Bürger haben die brennenden Barrikaden gesehen, schwarz vermummte Gruppen, wie sie Kleinwagen kaputt schlagen und in Brand stecken. Wie sie jung, dynamisch und maskiert durch Wohnviertel ziehen, wie die Herren der Welt, denen man sich besser nicht in den Weg stellt.

Von Hamburgs Autonomen ist man manches gewohnt, Barrikaden und Steinwürfe. Aber so etwas nicht. Deshalb meinen viele in der Stadt bis hin zum konservativen Hamburger Abendblatt, das die Linken sonst eher nicht in Schutz nimmt: Das müssen Ausländer gewesen sein, Krawalltouristen. Und auch von den Autonomen ist zu hören, die Gewalt sei nicht von Hamburger Linken ausgegangen, im Gegenteil, manche aus der Roten Flora hätten sogar noch versucht, ihren Protest-Gästen ins Gewissen zu reden. Den Stromkasten lieber nicht kaputtschlagen, Genosse. Aber die Gäste wollten nicht hören.

Auf einigen Hauswänden sind antikapitalistische Parolen auf Französisch aufgetaucht. Im geplünderten Budni-Markt im Schanzenviertel fand man Graffiti auf Spanisch. In der Untersuchungshaft sitzen jetzt Demonstranten aus Russland, den Niederlanden, Österreich, Spanien, Ungarn, Senegal und Polen. Drei Franzosen sind dabei, die größte Gruppe aber bilden sechs Italiener.

Was sind das für Leute? Hooligans, die sich im Schutz der Vermummung ihrer Zerstörungslust hingeben, Selfies schießen, Flaschen werfen, Riot Porn filmen? Weit entfernt von Eltern, Kollegen, Leuten, vor denen sie sich genieren müssten? Oder geht es hier um Menschen, denen sich besonders leicht die Schuld zuschieben lässt?

Die Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand, in der Fabio V. inhaftiert ist, liegt hinter Deichen, auf einer Insel im Elbwasser. Gleich hinter dem Gefängnistor grasen Schafe. Über dem Haus 4, dem Gebäude für alle, die noch auf ihren Prozess warten, kreisen Möwen.

Der Besucherraum sieht aus wie ein gekacheltes Bahnhofsbistro, kleine Tische, wackelige Stühle, drei Toilettentüren, Männer, Frauen, "Insassen". Ein Justizvollzugsbediensteter mit dickem Schlüsselgürtel stellt eine Thermoskanne Kaffee auf den Tisch. Kostenlos für alle, er verteilt Becher und Milch. Seine Kollegin behält den Raum im Blick, während Fabio V., ein sportlicher Teenager, der sich die langen Haare immer wieder aus dem Gesicht streicht, beginnt zu erzählen.

Mamma mia

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