Grundsatzrede in Berlin Mal ist Gauck links, mal konservativ, mal grün, mal gelb

Gauck, 1940 geboren, will sich hier vorstellen. Will erklären, warum ihm der Begriff Freiheit zum Lebensthema geworden ist. Die "Angstaugen" in den Gesichtern der Erwachsenen in den ersten Jahren nach dem Krieg. Wie der Vater "abgeholt" wurde und in Sibirien verschwand. Wie er mit zwölf Jahren dem "Freiheitspathos von Friedrich Schiller verfiel" und mit 13 "wie ein Fiebernder am Radiogerät die Ereignisse des 17. Juni verfolgte", dem Volksaufstand in der noch jungen DDR von 1953.

Sein Leben ist ein Leben mit und in Diktaturen, ein Leben im inneren und im gelebten Widerstand, das in den Wendejahren 1989/1990 gipfelte in der Erkenntnis: "Auch Deutsche können Revolution, auch Deutsche können Freiheit."

Nicht alle aber können damit umgehen. Da gebe es die "aus dem Paradies Vertriebenen", sagt Gauck. Diejenigen also, die glauben, mehr verloren als gewonnen zu haben, die sich zurück nach alter Ordnung sehnen. "So tauschten sie die Einmaligkeit der Freiheit gegen die bequeme Ohnmacht der nie und nirgends Verantwortlichen." Und entledigen sich so der "unerträglichen Last der Eigenverantwortung".

Ihm reicht das nicht. Von Migranten fordert er im Sinne der Freiheit, ihren Kindern Deutsch beizubringen und es besser noch selbst zu lernen. Von der Politik fordert er ein Sozialsystem, das in der Not hilft, die Bedürftigen aber befähigt, für sich selbst zu sorgen. Es gehe nicht um Fürsorge. Die wirke "entmächtigend", wenn der "Staat die Rolle des gütigen Fürsten annimmt, dessen Gestus die Empfänger zu Mündeln macht".

Gauck fordert Bürgersinn von den Menschen aus allen Schichten. Er zählt dazu auch das deutsche Engagement in Afghanistan. Solange deutsche Soldaten dort aus Solidarität und im Auftrag der Vereinten Nationen eingesetzt würden, "kann ich einen derartigen Einsatz nicht verurteilen", sagt er. Er fühle mit, "wenn ich die Trauer der Mütter sehe, die ihren Sohn verloren haben". Aber: "Nicht Verantwortungslosigkeit hat ihre Söhne geschickt, sondern aus Verantwortung wurden sie geschickt und aus Verantwortungsbereitschaft sind sie gegangen."

Mal ist Gauck links, mal konservativ, mal Mitte, mal grün, mal gelb. Er eckt bei allen an und doch können sich alle mit ihm identifizieren. Immer aber vertritt er einen festen Standpunkt, der Debatten zulässt und Nachdenklichkeit erzeugt.

Da erscheint es immer seltsamer, dass Union und FDP lieber einen Kandidaten in die Wahl schicken, der so offensichtlich aus parteitaktischen Gründen auserkoren wurde, als Joachim Gauck zu unterstützen. Nach diesem Vormittag im Deutschen Theater jedenfalls ist ein besserer Präsidentschaftsbewerber kaum vorstellbar.