Grünen-Politiker Boris Palmer Sturz eines grünen Helden

Die Grünen wollen im bürgerlichen Lager wildern, aber ihr schwarz-grüner Vordenker wird abgewatscht. Boris Palmer, Realo und einstiger Held der Stuttgart-21-Gegner, fliegt mit Karacho aus dem Parteirat der Grünen. Er spricht von einer "Kampagne" - und von "Rufmord".

Von Michael König, Hannover

Am Tag nach der Pleite sitzt Boris Palmer mit seiner Tochter beim Frühstück im Hotel. Die hat Interesse an Früchtequark und Orangensaft, für Erklärungen oder Rechtfertigungen ist sie noch zu klein. Ihrem Papa geht es anders. "Ich habe Fehler gemacht, habe reichlich Angriffsfläche geboten", sagt er im Gespräch mit SZ.de. Aber er sei auch Opfer einer "Kampagne haltloser Vorwürfe" geworden.

Palmer ist am Samstag auf dem Bundesparteitag der Grünen in Hannover aus dem Parteirat geflogen, nach dem Vorstand das wichtigste ständige Gremium. Und das, obwohl die Parteispitze zuvor verkündet hatte, sie wolle Stimmen aus dem bürgerlichen Lager gewinnen. In dem hat Palmer viele Anhänger. Trotzdem bekommt der Tübinger Oberbürgermeister auf magere 47 Prozent - zu wenig für das Quorum. Im Saal brandet Jubel auf, als das Ergebnis verlesen wird.

Dem Realo und Befürworter schwarz-grüner Gedankenspiele wurde eine glänzende Zukunft bescheinigt, etwa als nächster Bundesverkehrsminister, vielleicht als Nachfolger von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Aus seinem Job in Tübingen, wo er seit 2006 im Rathaus sitzt, sei er herausgewachsen, meinen manche Grüne. "Der ist brilliant", sagt ein Landesvorsitzender. "Aber er stößt auch immer alle vor den Kopf."

Im Herbst 2010 avancierte Palmer zu einem der bekanntesten Oberbürgermeister Deutschlands, als er sich in den Streit um das Bahnprojekt Stuttgart 21 einschaltete. Bald war er Sprachrohr der S21-Gegner. Mit scharfer Rhetorik und Expertenwissen verdiente er sich den Respekt der Gegenseite. Bahn-Technikvorstand Volker Kefer bot ihm am Ende einen Job im Konzern an. Palmer lehnte dankend ab.

Was dann folgte, ist symptomatisch für Palmers Karriere. Als die Volksabstimmung in Baden-Württemberg pro Stuttgart 21 ausging, schafften andere Gegner - wie der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann - eine geschmeidige Neupositionierung: von der totalen Ablehnung zu einer kritischen Begleitung. Palmer dagegen riet im SZ.de-Interview dazu, den Widerstand sofort aufzugeben. Viele haben ihm das nicht verziehen.

"Anpassung gibt es nicht."

Vor dem Bundesparteitag in Hannover opponierte er öffentlich gegen den Bundesvorstand, der versuchte, die Debatte um ein Bündnis mit der Union einzudämmen. "Neumitglieder finden Schwarz-Grün schlecht", schrieb Steffi Lemke, die Bundesgeschäftsführerin. Palmer antwortete auf Facebook: "Ich wette, da geht eine Mitgliederbefragung ganz anders aus, als Steffi Lemke denkt. Wahrscheinlich sagt sie dann: 'Das war nicht das wahrscheinlichste Ergebnis."

Die Quittung kommt mit der Parteiratswahl. Palmer wird nach seiner Vorstellungsrunde gefragt, warum er sich einen Flug von der Partei habe bezahlen lassen. Und warum er sich nicht klar für das Adoptionsrecht Homosexueller aussprechen wolle. In seiner Antwort kann Palmer seine Wut nicht verbergen. Er betont, ein Landesverband habe ihn als Wahlkampf-Zugpferd angefragt. Und weil sein OB-Job zeitaufwändig sei, müsse er rechtzeitig wieder im Büro sein. Da komme nur das Flugzeug in Frage.

Und die Homo-Sache? Palmer spricht von "Rufmord". Im Mai 2011 war ein Strategiepapier öffentlich geworden, in dem er sich dafür aussprach, Neugrüne nicht zu verschrecken. "Das uneingeschränkte Adoptionsrecht für homosexuelle Paare ist vorerst keine Forderung, mit der sich 25 Prozent der Deutschen gewinnen lassen", schrieb Palmer. Damals wie heute betont er, er sei kein Schwulenhasser. Das Papier sei eine bewusste Provokation gewesen und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Seine Abwahl aus dem Parteirat sei daher absehbar gewesen, sagt Palmer. "Das war organisiert."

Da stimmt er mit seinen Gegnern teilweise überein. Die werfen ihm hinter vorgehaltener Hand vor, er sei kein Teamplayer, er opponiere gegen die Parteispitze, verfolge nur seine eigene Agenda. Palmer antwortet: "Mein Erfolg beruht darauf, dass ich ich so kantig und eckig bin, wie ich bin. Anpassung gibt es nicht."

Und die Karriere? Palmer gibt zu, er wolle nicht ewig Oberbürgermeister von Tübingen bleiben. "Aber ich habe auch nicht vor, es schnell zu verlassen." Seine Amtszeit geht bis 2014. Dann wird ein neuer Parteirat gewählt.