Fehlende Begeisterung für Europawahl Wieso sich junge Europäer vernachlässigt fühlen

Von 766 EU-Abgeordneten sind nur zwei jünger als 30 Jahre. Wen wundert es also, dass die Wahlbeteiligung der unter 25-Jährigen besonders gering ist? Eine Studie untersucht, warum die EU junge Menschen kaum anspricht - und erklärt, wie sich das ändern könnte.

Ein Gastbeitrag von Christopher Wratil, London

Vor zwei Wochen ist es passiert. Vier Spitzenkandidaten der großen Parteifamilien im Europäischen Parlament diskutierten in Maastricht über ihre Visionen für das Europa nach der Europawahl. Junge Menschen aus ganz Europa durften Fragen stellen, 90 Minuten lang, mit Live-Stream, in 13 Sprachen. Ich habe es verpasst. Dabei bin ich über europäische Themen überdurchschnittlich informiert und interessiere mich für EU-Politik wie die wenigsten in meinem Umfeld.

Die Geschichte offenbart ein größeres Problem: Sie zeigt, wie schlecht es um das Ansehen der Europawahl selbst in den Teilen der Bevölkerung steht, die sich mit Europa identifizieren können. Dem Eurobarometer zufolge sind das insbesondere junge Menschen zwischen 16 und 30 Jahren. Sie definieren sich zumindest teilweise als "Europäer", sie sind zufriedener mit der Demokratie in der EU und vertrauen der EU mehr als ihre Eltern und Großeltern. In vielen Teilen Ost- und Südosteuropas vertrauen junge Menschen der EU sogar mehr als ihren nationalen Regierungen - und das in Zeiten der Krise mit bis zu 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit.

Trotzdem nahmen in Deutschland 2009 nur 27 Prozent der unter 25-Jährigen an der Europawahl teil, während es bei der Bundestagswahl im selben Jahr 60 Prozent waren. Nicht überraschend wurden auch kaum junge Menschen ins Europäische Parlament gewählt: Gerade einmal zwei Europaparlamentarier sind jünger als 30. Im aktuellen Deutschen Bundestag sitzen immerhin noch mehr als zehn Abgeordnete dieser Altersgruppe.

FutureLab Europe der Körber-Stiftung hat im Januar 2014 in einer Online-Umfrage nach den Gründen für diese Abwesenheit junger Menschen gesucht. In diesem Fall war die Gruppe der Befragten noch europäischer als üblich. Denn das FutureLab-Netzwerk besteht überwiegend aus international gesinnten, europafreundlichen, oftmals auch politisch aktiven jungen Menschen. Mehr als die Hälfte der Befragten hatte schon einmal im Ausland gelebt, an die 60 Prozent wollen an der Europawahl teilnehmen - also etwa doppelt so viele wie es in der Altersgruppe tatsächlich tun. An Interesse und Gefühl für die EU konnte es hier nicht mangeln.

Umso erstaunlicher ist: Selbst Menschen, die sich als "junge Europäer" bezeichnen, meinen, zu wenig Informationen über die Europawahlen zu haben. Gefragt, welche Maßnahmen die persönliche Wahlbereitschaft steigern könnte, nannten die Teilnehmer: Mehr Information über die Wahlen im Allgemeinen, mehr Aufklärung an den Schulen, mehr Kommunikationsarbeit des Parlaments oder seiner Parteien und Mitglieder. Erst sehr weit hinten folgten Forderungen nach institutionellen Reformen wie der Direktwahl des Kommissionspräsidenten oder der Kommissare.

Auf den ersten Blick ist dieser Wunsch nach Information paradox: Was den Zugang zu Debatten, Ausschusssitzungen und Dokumenten angeht, ist das Europäische Parlament transparenter als die meisten nationalen Parlamente. Doch nützt diese Transparenz, wenn sie keiner durchschaut?

Mut zu Unbekannten und Untertiteln

Ich glaube: Uns fehlt vor allem eine breite und mobilisierende Debatte über EU-Gesetzgebung, die Junge wie Alte wirklich informiert und an die Urne treiben könnte. Keiner leugnet, dass die mediale Berichterstattung über die EU in Deutschland durch die Euro-Krise zugenommen hat. Aber dies ist Bericht-Erstattung in ihrem wahrsten Wortsinn. Es ist keine echte Debatte. Es ist eine an Ereignisse geknüpfte Wiedergabe der Tatsachen auf Deutsch.

Wann wird schon einmal im deutschen Fernsehen einfach so über EU-Richtlinien diskutiert - wenn nicht gerade ein Rettungsschirm aufgespannt wird? Wann heißt es nicht steril und uniform "das EU-Parlament will gegen den Haushalt stimmen", sondern wann kommen konkrete Parlamentarier mit ihren distinktiven Positionen zu Wort? Und wann füllen wir Talk-Shows mit Politikern aus Griechenland und Spanien, aus Finnland und Slowenien und nicht nur mit Deutsch-Griechen, die ab und zu noch ihre Großmutter in Athen besuchen?

Tatsächlich ist EU-Politik nämlich schwer zu verstehen, wenn man nie einen Franzosen befragt, nie einen Polen zu Wort kommen, und sich nur aus zweiter Hand berichten lässt, wie die Stimmung in Griechenland ist. So wie es schwer ist, die große Koalition zu verstehen, ohne auch SPD-Chef Sigmar Gabriel anzuhören. Jede Fernsehshow in Deutschland muss politisch paritätisch besetzt sein - nur über die EU darf man seltsamerweise auch sprechen, ohne europäisch paritätisch zu besetzen.

Wir brauchen nicht unbedingt eine europäische Öffentlichkeit, wir brauchen aber mehr lokale Debatten mit Sprechern aus ganz Europa. Die Medien können dazu ihren Beitrag leisten, indem sie den Mut aufbringen, auch einmal Unbekannte zu zeigen, auch mit Untertiteln. Wir müssen das begrüßen, wenn wir wirklich und ehrlich informiert werden wollen.

Es ist simpel, die junge Generation in solche Debatten zu integrieren. Denn die Themen, für die wir uns interessieren, sind gesellschaftlicher Mainstream. Wenig überraschend rangierten in der Umfrage Arbeitsmarkt, Bildung, Umwelt, Bürgerbeteiligung und Mobilität ganz oben auf der Liste der interessantesten EU-Themen. In den Ländern, in denen die Jugendarbeitslosigkeit besonders hoch ist, war der Fokus auf den Bereichen Arbeitsmarkt und Bildung noch deutlicher. Das ist nicht exotisch, das ist, was die meisten Menschen in Europa bewegt.

Darüber brauchen wir mehr Debatte und nicht nur Berichterstattung. Mit Menschen aus ganz Europa und aus allen Altersgruppen.

Dieser Artikel erscheint im Rahmen der Kooperation "Mein Europa" von Süddeutsche.de mit dem Projekt FutureLab Europe der Körber-Stiftung. Bis zur Europawahl Ende Mai werden in der Serie junge Europäer zu Wort kommen - streitbar, provokativ und vielfältig.

Christopher Wratil, 27, ist Research Student an der London School of Economics, wo er zur Demokratisierung der EU forscht. Er ist Mitbegründer des Magazins Europe & Me.

An English version of the text will soon be available at the website of FutureLab Europe.