Geheime Mission der USA Mit einem Jet auf der Jagd nach Snowden

Der Jet war nicht elektronisch gekennzeichnet, flog zu hoch, um von der Flugsicherung erfasst zu werden: Briten haben offenbar bewiesen, dass die CIA während der Flucht Edward Snowdens ein Flugzeug in Richtung Russland schickte. Der Geheimdienst wollte den Whistleblower wohl in die USA zurückholen.

Von John Goetz und Sebastian Gierke

Es war ein beispielloses, ein dramatisches Katz-und-Maus-Spiel. Die USA haben es am Ende gegen den Whistleblower Edward Snowden verloren. Vor ziemlich genau einem Jahr narrte Snowden mit seiner erfolgreichen Flucht die Vereinigten Staaten - und ihren Geheimdienst CIA.

Dabei hat die CIA viel versucht, um Edward Snowden zu fassen. Welchen Aufwand sie in den Tagen seiner Flucht offenbar betrieb, das wird jetzt bekannt. So zeigen die Aufzeichnungen einiger britischer Luftfahrtenthusiasten, dass im Juni 2013 sogar ein Flugzeug, das normalerweise zum Gefangenentransport eingesetzt wird, über den Atlantik unterwegs war. Der mutmaßliche Auftrag: Edward Snowden zurück in die USA zu holen.

Flugzeug für Gefangene

Snowden fliegt mit Festplatten voll mit geheimem Material am 20. Mai 2013 von Hawaii nach Hongkong, fünf Wochen später geht es weiter nach Moskau. In den USA hatte das FBI bereits am 14. Juni Strafanzeige gegen ihn erstattet, in der ihm Diebstahl von Regierungseigentum vorgeworfen wird. Von Moskau aus will Snowden eigentlich nach Kuba, und von dort möglicherweise weiter nach Ecuador, wo er einen Asylantrag gestellt hatte.

Am Abend des 24. Juni, einen Tag, nachdem Snowden in Moskau gelandet war, startet ein elektronisch nicht gekennzeichnetes Flugzeug vom Manassas Regional Airport, einem kleinen kommerziellen Flughafen, 30 Meilen entfernt von der US-Hauptstadt Washington. Das berichtet die britische Nachrichtenseite The Register. Es ist ein Privatjet der Firma Gulfstream mit der Kennung N977GA auf seiner Heckflosse. Der Jet nimmt Kurs Richtung Moskau.

Der Gulfstream-Jet gehört seit 2011 zum sogenannten "Justice Prisoner and Alien Transportation System", das dem US-Justizministerium unterliegt und von US-Marshals betrieben wird. Das Flugzeug ist ein "Rendition Aircraft" und wird dazu genutzt, Gefangene über Ländergrenzen hinweg zu transportieren, auch und vor allem, um sie in die USA zu bringen. Die CIA hat sich zum Einsatz solcher Flugzeuge noch nie geäußert. (Hier ein Youtube-Video des Jets N977GA.)

Snowdens Pläne, von Russland nach Kuba weiterzureisen, gehen nicht auf. Er hält sich auch am 25. Juni noch im Transitbereich des Moskauer Flughafens auf. Der Jet mit der Kennung N977GA wird am frühen Morgen desselben Tages über der Ostküste Schottlands entdeckt. Nach Informationen von The Register ist das Flugzeug ungewöhnlich hoch unterwegs, umgerechnet in fast 14 Kilometern Höhe. Es taucht deshalb nicht in Flugregistern auf, fliegt so hoch, dass keine automatische Bestimmung der Flugposition durch die Flugsicherung erfolgt.

Auch deshalb ist es schwierig, die Flugroute von N977GA an diesem Tag im Nachhinein zu bestimmen. Einem Online-Netzwerk in Großbritannien, das sich dem Nachverfolgen und Dokumentieren von Flugrouten verschrieben hat, ist es laut The Register dennoch gelungen. Ein Mitglied des Netzwerks, das in dem Artikel nicht namentlich genannt wird, erklärt demnach, der Flug sei in ihrem System am 25. Juni um 6:41 Uhr aufgetaucht. (Wie das Online-Netzwerk technisch funktioniert, erklärt The Register hier.)

N977GA kommt nicht bis Moskau

Die Daten des Netzwerks zeigen außerdem, dass der Jet nicht bis nach Moskau fliegt, sondern in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen landet. Zu diesem Zeitpunkt laufen die Verhandlungen zwischen US- und russischen Diplomaten auf Hochtouren.

Die US-Seite verlangt die Auslieferung des vermeintlichen Geheimnisverräters, Moskau sollte Snowden schnellstmöglich in amerikanische Obhut übergeben. Die Russen allerdings weigern sich. Snowden habe kein Verbrechen auf russischem Staatsgebiet begangen, erklärt Moskau damals. Trotz aller diplomatischer Bemühungen: N977GA kann nicht weiter nach Moskau fliegen.

Edward Snowden erhält am 1. August 2013 in Russland Asyl, bis heute hält er sich an einem unbekannten Ort in der Nähe von Moskau auf.

Linktipp: Vor allem nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, als die CIA weltweit Geheimgefängnisse unterhielt, werden "Rendition Aircraft" zum Gefangenentransport eingesetzt. Im Jahr 2012 ist beispielsweise der gerade in New York verurteilte radikale Prediger Abu Hamza in dem Jet, der auch hinter Snowden hergeschickt wurde, von Großbritannien in die USA gebracht worden. Hintergründe zu den Flugzeugen und vor allem zu den US-Geheimgefängnissen finden Sie in diesem SZ-Artikel.