Geburtenrate unter Migranten Die Kopftuch-Legende

Die Deutschen bekommen wieder mehr Kinder - aber liegt das etwa an den Einwanderern? Ein Blick in die Statistik zeigt: Die Sarrazin'schen Schmähungen sind ein Erfolg an Stammtischen - in den Kreißsälen der Republik sieht es anders aus.

Von Felix Berth

Wenn man die neuen Geburtenzahlen des Statistischen Bundesamtes liest, erinnert man sich an die Sarrazin-Debatte des Sommers: Sind es vielleicht die "Kopftuchmädchen" und deren Brüder, von denen derzeit so viele zur Welt kommen und für einen neuen Baby-Boom in Deutschland sorgen? Wenn tatsächlich in diesem Jahr 20.000 Babys mehr geboren werden als im Vorjahr - liegt dies dann an Frauen aus anderen Staaten, die mehr Kinder bekommen als Frauen mit deutschem Pass und deutschen Eltern? Und falls das so ist: Spaltet ein solcher Trend die Gesellschaft, oder nähern sich die beiden Gruppen langfristig einander an?

Migrantinnen bekommen von Jahr zu Jahr weniger Kinder. Eine Flut von "Kopftuchmädchen", wie sie Thilo Sarrazin diagnostiziert hat, ist offenbar eine Legende.

(Foto: dpa)

Die erste Antwort muss recht unbefriedigend ausfallen: Ganz genau weiß das niemand. Denn die amtliche Statistik über Geburten in Deutschland achtet nicht auf das, was neuerdings "Migrationshintergrund" heißt. Wo die Eltern eines Neugeborenen aufwuchsen, welche Nationalität seine Großeltern haben und welche Sprache in der Familie gesprochen wird, erfassen die Standesbeamten bei der Registrierung der Geburten nicht.

Dabei könnte man daraus viel lernen, wie etwa die amtliche "Vollerhebung" über deutsche Kindergärten beweist. Sie erfasst seit vier Jahren bei jedem Kind den "Migrationshintergrund". Nun erfährt die Republik detailliert, in welchen Ländern, Kreisen und Kommunen wie viele Kinder aus Einwandererfamilien die Kitas besuchen.

Das erleichtert es erheblich, Politikern und Beamten klarzumachen, dass ein zeitgemäßer Kindergarten darauf eingehen muss: Wenn die Quote der Kinder aus Einwandererfamilien bei mehr als dreißig oder gar fünfzig Prozent liegt, können Erzieher nicht mehr so tun, als betreuten sie nur Kinder, die mit guten Deutschkenntnissen in die Kita kommen.

Die gesamtdeutsche Geburtenstatistik achtet nicht auf die Herkunft der Babys, weshalb man sich mit Studien begnügen muss, die nicht ganz so präzise Auskünfte geben können. Das Statistische Bundesamt hat vor einiger Zeit eine große Untersuchung durchgeführt, die die Geburtenrate von deutschen Müttern mit der von Müttern aus anderen Ländern verglich. Das Ergebnis: Ja, es stimmt, Migrantinnen bekommen mehr Kinder als Deutsche. Der Unterschied ist allerdings nicht dramatisch. Die Geburtenrate ausländischer Frauen lag im Jahr 2006 bei 1,6; bei deutschen Frauen ergab sich ein Wert von bei 1,3.

Einwanderer passen ihre Fertilität an

Außerdem zeigte sich, dass Migrantinnen von Jahr zu Jahr weniger Kinder bekommen. Am Ende der siebziger Jahre lag die Geburtenrate der Migrantinnen noch bei 2,5 Kindern pro Frau. Doch seither ist sie immer weiter gefallen. Das legt nahe: Die Sarrazin'schen "Kopftuchmädchen" sind ein populistisch klug gewählter Begriff - doch in den Kreißsälen sind Immigranten-Kinder längst nicht in der Mehrheit.

Offenbar passen Einwanderer ihre Fertilität überraschend schnell dem Land an, in dem sie aufgenommen wurden. Nadja Milewski von der Universität Rostock hat zum Beispiel herausgefunden, dass Migrantinnen der zweiten Generation sich beim Kinderkriegen schon deutlich von ihren Eltern unterscheiden. Sie bekommen wesentlich später und deutlich seltener Nachwuchs. "Das Fertilitätsverhalten in der zweiten Generation von Migranten ähnelt mehr dem der Deutschen als dem der Elterngeneration", lautet Milewskis Bilanz.

Ähnliche Trends kennen Demographen aus anderen Ländern. In Schweden beispielsweise stellte Gunnar Andersson fest, dass die Muster der Familiengründung bei Einwanderern inzwischen denen der Schweden sehr stark ähneln. Viel wichtiger sei es, ob eine Frau erwerbstätig ist: Das steigere die Wahrscheinlichkeit einer Familiengründung deutlich, so Andersson.

Dass Einwanderer sich anpassen, scheint in Industriestaaten also ziemlich üblich zu sein. Eine Spaltung der Gesellschaft in eine Mehrzahl von Migrantenfamilien und eine Minderheit deutscher Familien ist jedenfalls nicht zu erwarten.