Interview mit Joachim Gauck von 2010 "Die Leute durchschauen Medienmacht weniger als politische Macht"

SZ: Herr Gauck, Sie sagen, mutige Politiker seien Ihnen lieber. Ist Thilo Sarrazin mutig?

Gauck: Er ist mutig und er ist natürlich auch einer, der mit der Öffentlichkeit sein Spiel macht, aber das gehört dazu. Er setzt sich mit dem Missbehagen von Intellektuellen und von Genossen seiner Partei auseinander - darunter werden viele sein, deren Missbilligung er eigentlich nicht möchte. Nicht mutig ist er, wenn er genau wusste, einen Punkt zu benennen, bei dem er sehr viel Zustimmung bekommen wird.

SZ: Haben Sie sein umstrittenes Buch Deutschland schafft sich ab gelesen?

Gauck: Nein, habe ich nicht. Aber wie ich die Debatte verfolgt habe, gibt es eben einen Teil, wo man sagen muss: Da weist er auf ein Problem hin, das nicht ausreichend gelöst ist. Das andere sind seine biologistischen Herleitungen.

SZ: Sarrazins Thesen von erblich weniger intelligenten Kindern bei bestimmten Gruppen.

Gauck: Wenn er das so behauptet, dann würde ich das auch kritisieren. Ich kann nicht einfach zum Parteigänger werden, aber ich würde mir sehr sorgfältig überlegen, ob ich den Typ aus der SPD ausschließe.

SZ: Sie haben mitbekommen, wie Sie selbst von den Medien als Heilsbringer hochgejubelt wurden. Im Fall Sarrazin gibt es nun auch wieder einen Medienhype. Leben wir in einer Mediokratie in Deutschland?

Gauck: Wir haben eine sehr lange Tradition, politische und wirtschaftliche Macht zu analysieren und zu kritisieren. Diese Geschichte eines kritischen Umgangs mit der Mediendemokratie gibt es noch nicht. Wohl gibt es Medienkritik, aber zu wenig. Die Leute durchschauen Medienmacht weniger als wirtschaftliche oder politische Macht. Allerdings: Bei beiden genannten Hypes war ja tatsächlich etwas vorhanden, was besprochen werden musste.

SZ: Wie haben Sie persönlich das überschießende Medieninteresse erlebt?

Gauck: Natürlich hat mir die Aufmerksamkeit geschmeichelt. Aber lassen wir mal die Personalie Gauck weg, so toll bin ich nicht. Was haben die Abertausenden Unterstützer, die es gab - im Internet, unter Künstlern und ganz normalen Menschen - in dieser Kandidatur gesehen? Was ist deren Botschaft? Doch diese: Mensch, es wäre schön, wenn wir Politiker hätten, denen wir glauben können. Dazu muss man mit den Bürgern so reden, dass sie sich ernst genommen fühlen können. Das ist doch ein wunderbares Signal an die Politik! Diese Leute wollen sich beheimaten. Die sagen, das ist mein Land, meine Demokratie. Und ich möchte mich darin gut vertreten fühlen.