Gabriel als SPD-Chef wiedergewählt Wind unter den Flügeln der Sozialdemokratie

Er ist hier der Boss: Sigmar Gabriel gibt auf dem Parteitag der SPD den Jumbojet der Sozialdemokratie. Der Parteivorsitzende macht Druck, er dröhnt, er reißt die Delegierten zu langem Beifall hin. Gabriel versöhnt die Partei mit der Agenda 2010 und schickt sie gleichzeitig nach links. Sie dankt es ihm mit hoher Zustimmung. Seine Generalsekretärin Andrea Nahles kommt wesentlich schlechter weg.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Seine Stimme überschlägt sich fast, als er das Wort "Stolz", herausbrüllt aus seinem massigen Körper. Wie Donnerhall durchzieht es die Halle. Es dröhnt in den Ohren der Delegierten. Noch Sekunden später klingt es nach, als hätte ein Jet gerade die Schallmauer durchbrochen. Ein Jumbojet, vielleicht.

Stolz. Es ist das vielleicht wichtigste Wort in der Rede von Sigmar Gabriel. Das Wort, in dem sich alles verbindet, was Gabriel der Partei wiedergeben wollte, als er 2009 den Parteivorsitz übernahm.

Damals war niemand stolz auf diese Partei. Unsexy, langweilig, alt. Das waren die Größenordnungen, in denen die Partei vermessen wurde. Von den Medien, vom politischen Gegner - vor allem aber von den eigenen Leuten. Nach 23 Prozent der Stimmen bei der Bundestagwahl waren die Genossen deprimiert, manche haben resigniert.

Das erste Ziel erreicht

Gabriel nicht. Er hatte Ideen für die Partei. Ideen, die er schon viel früher formuliert hatte. In Büchern und Aufsätzen und manchen Reden. Neue Strukturen für die Partei hatte er im Sinn. Mit denen wollte er mehr Wind unter die Flügel der Sozialdemokratie bringen.

Auf diesem Parteitag hat er dieses erste Ziel erreicht. Die Parteireform ist durch. Die Partei wird künftig auf Präsidium und Parteirat verzichten. Weg von der Funktionärs-, hin zur Mitgliederpartei. Darum wird es mehr Parteitage geben. Die Mitglieder sollen bestimmen, wo es hingeht. Sie sollen nicht wieder überfahren werden mit so etwas wie der Agenda 2010.

Gabriel distanziert sich nicht von der Agenda, die vor nicht allzu langer Zeit beinahe die Partei zerrissen hätte. Er dankt ausdrücklich Gerhard Schröder, Olaf Scholz und Peer Steinbrück für ihre Reformpolitik. Wolfgang Clement unterschlägt er dabei, der ist unterwegs irgendwie verlorengegangen.

Schulterschluss mit den Gewerkschaften

Er sagt aber auch, die Partei habe Fehler gemacht, etwa mit der Leiharbeit. "Nie wieder darf eine sozialdemokratische Partei den Wert der Arbeit in Frage stellen", ruft er in den Saal. Und: "Nie wieder dürfen wir uns in dieser Frage so weit von den deutschen Gewerkschaften entfernen!" Auf Gabriels Stirn machen sich Zornesfalten breit. Das wirkt ehrlich - und spätestens da hat er die Partei vollständig hinter sich.

Das Haudrauf auf Merkel, Seehofer und die FDP, diese, wie er sagt, "Turbolader für Politikverdrossenheit", hätte er sich da eigentlich sparen können - wenn es an diesem Montag nicht auch um seine Wiederwahl gegangen wäre.

Er weiß, was wirkt - und zitiert Merkel, die etwas von "marktkonformer Demokratie" geredet haben soll.

"Nicht ist entlarvender als dieser Satz", beginnt Gabriel. Dann schaltet er seinen eigenen Turbolader ein, hebt die Stimme, legt ein paar Dutzend Dezibel drauf und bellt Silbe für Silbe: "Wir - wollen - keine - markt - konforme - Demo - kratie! Wir wollen eine Demokr..." Der Rest geht im Jubel unter.