Fußball-WM Neue Liebe Afrika

Die Fußball-WM ist kein Marshall-Plan, sondern ein Spektakel. Doch Afrika hat schon gewonnen: Noch nie haben so viele Menschen so viel über den Kontinent erfahren.

Ein Kommentar von Arne Perras

Alle Augen auf Afrika. Wann hat es das schon gegeben? Europas Interesse an Afrika war über die Jahrhunderte hinweg schwankend, aber meist sehr schwach. Allein im 19. Jahrhundert war die Aufmerksamkeit gewaltig angeschwollen, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen als heute, da alle fiebernd auf den Ball blicken. Damals ging es nicht um den globalen Wettkampf auf dem Rasen, sondern um die Rivalität der Mächte Europas. Als Arena diente ein großer weitgehend unbekannter Kontinent, den die Missionare zivilisieren und die Staatenlenker okkupieren wollten.

Es war die Zeit eines überschäumenden Nationalgefühls, der Gier nach Geltung in der Welt. Das Innere Afrikas war noch ein weißer Fleck auf Europas Landkarte. Das beflügelte die Großmachtphantasien in London, Paris und Berlin. Europas Presse überschlug sich in Berichten über den Wettlauf um Afrika. 1884 lud der deutsche Reichskanzler Bismarck zur Berliner Konferenz. Am grünen Tisch teilten die europäischen Mächte den Kontinent unter sich auf.

Europäer und Afrikaner haben dieses konfliktbeladene Kapitel ihrer Geschichte längst hinter sich gelassen. Der Ruhm der einstigen kolonialen Eroberer ist verblasst. Andere haben jetzt ihren Platz eingenommen. Nicht Henry Morton Stanley, Carl Peters oder Cecil Rhodes heißen die Helden, sondern Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Wayne Rooney.

Wenn Nationen tatsächlich Erregungsgemeinschaften sind, wie der Philosoph Peter Sloterdijk schreibt, dann brauchen die Massen ein Ventil. Nationale Begeisterung und Übermut toben sich heute in Fußballstadien aus. Das ist in jedem Fall besser als die Feldschlachten des 19. Jahrhunderts. Der übersteigerte Nationalismus von damals entlud sich in den Schützengräben von Verdun. Er stürzte Europa in die Katastrophe.

Der andere Kontinent, Afrika, ist nun wieder Arena für einen globalen Wettstreit. Aber dieser ist nicht mehr bedrohlich wie einst, sondern geradezu herbeigesehnt. Weil Afrika so viele erstklassige Spieler für die Profiligen der Welt hervorgebracht hat, ist es Zeit, etwas zurückzugeben. In der ersten Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden spiegeln sich Ehrgeiz, Stolz und Zuversicht einer Region, die im Laufe der Jahrhunderte viele Demütigungen hinnehmen musste.

Sport gegen Armut

Für Südafrika im Besonderen geht es jetzt weniger darum, dass die Nationalelf Bafana Bafana in vier Wochen den Weltpokal in die Höhe stemmt - ernsthaft glaubt daran fast niemand. Für das Land ist es wichtiger, als Gastgeber zu glänzen. Daran wird die Welt Südafrika messen, und alle wissen das. Es ist offenkundig, dass die Afrikaner hart für diese WM gearbeitet haben. Und wenn sie den Schwung über das Turnier hinaus halten können, wenn sie ihn in den Aufbau und in den Kampf gegen die Armut stecken, dann hat der Sport dem Land einen wichtigen Impuls gegeben. Das ist alles andere als gewiss. Denn bei aller Begeisterung für den Fußball: Die Gefahr ist groß, dass man dem Sport weit mehr abverlangt, als er leisten kann.

Dies gilt vor allem für die ehrgeizigen politischen Visionen, die sich mit dem Spektakel verknüpfen. Wer zu hohe Erwartungen weckt, riskiert Enttäuschung und Frustration. Man denke nur an die großspurigen Versprechungen des Chefs des Weltfußballverbands Fifa, Sepp Blatter. Für die Südafrikaner mussten sie so klingen, als würde mit der WM gleichsam das Brot vom Himmel fallen. Von Entwicklung für alle und großartigen Geschäftsmöglichkeiten war die Rede. Doch die Vorfreude schlug bald in Ernüchterung um, als die Südafrikaner erkannten, dass der Mann auf der Straße an der WM so gut wie nichts verdient. Hauptprofiteur ist und bleibt die Fifa, die mit Einkünften von etwa vier Milliarden Dollar rechnen kann.