WM 2006 Das Fußballgeschäft - eine bizarre Parallelwelt

Fans der deutschen Fußball-Nationalmannschaft schwenken Fahnen während der WM 2006 beim Fan-Fest in Berlin.

(Foto: dpa)
  • Der Spiegel schreibt von mutmaßlicher Korruption im Zuge der Vergabe der WM 2006 an Deutschland.
  • Stimmen die Vorwürfe, muss der Deutsche Fußballbund gereinigt und neu organisiert werden.
Von Thomas Kistner

Eine Frage ist ja nun geklärt: warum sich der DFB, der größte Fußballverband der Welt, in den Korruptionswirren der vergangenen Monate um die Fifa so mäuschenstill verhielt.

Es lag an der Angst seiner Spitzenleute, die nächste Mine könnte unter ihren Füßen hochgehen. DFB-Chef Wolfgang Niersbach hat diese Besorgnis selbst anklingen lassen. Nicht gesagt hat er, dass er offenbar gut wusste, wo diese Minen liegen.

Falls sich nun bestätigt, dass die deutsche Bewerbung für die Fußball-WM 2006 aus schwarzen Kassen alimentiert und befördert wurde, so läge das zunächst nur in der Logik des Fußballgeschäfts. Dieses findet ja in einer Parallelwelt statt: Der Sport, der größte Zweig der globalen Unterhaltungsindustrie, darf seine Milliardengeschäfte ohne Kontrolle durch externe Instanzen abwickeln - aufgrund einer bizarren, von allen Staaten garantierten Autonomie. In deren Schutz tätigt seit Dekaden eine kleine Kameradschaft von Funktionären ihre Deals.

WM 2006 Das Märchen vom Sommermärchen

Zentrale Rolle der Deutschen im globalen Fussball

Der Fußball ist so gewaltig, dass er den Alltag, die Kalender, ja sogar die Sprache einer immer größeren Anhängerschaft prägt. Dies ist der Grund, weshalb sich die Politik an die Herrscher über diesen modernen Volksglauben so oft nicht herantraut. Fußball ist unantastbar.

Sepp Blatter, der inzwischen gesperrte Chef des Weltverbandes Fifa, hat keinen Vergleich so gern bemüht wie den mit der katholischen Kirche. Dass diese eine wesentlich kleinere Gefolgschaft habe als seine globale Fußballgemeinde, hat er dem Papst sogar persönlich dargelegt.

In dieser Parallelwelt spielen die Deutschen seit jeher eine zentrale Rolle: auf dem Rasen und abseits. Es war ein Deutscher, der einst die Korruptionskultur im Weltsport installierte, die bis heute fortwirkt: Horst Dassler, Adidas-Chef bis zu seinem Tod 1987. Es sind damalige Vertraute dieses visionären Manipulators, die heute auf den Säulen des Weltsports thronen: der Deutsch-Schweizer Blatter, der nun nicht einmal mehr ein Stadion betreten darf. Und der Deutsche Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Bach saß einst auch im Aufsichtsrat des WM-Organisationskomitees.

Kleine, familiäre Welt des Sports

Adidas gab stets den Maschinenraum hinter den deutschen Fußballerfolgen ab. Das ist so seit 1954, als sich in der Regenschlacht gegen Ungarn das Wunder von Bern auch den neu entwickelten Schraubstollen verdankt hatte. Doch mit Schraubstollen holt man ein halbes Jahrhundert später keine WM ins Land, so wenig wie mit seriösem Geschäftsgebaren.

Das ist die Erkenntnis aus allen Bewerbungsprozessen der vergangenen zwei Dekaden; im Fußball und bei Olympia. Treffen die neuen Vorwürfe zu, wird es schlimm kommen für den deutschen Fußball. Dann wird das Sommermärchen, das man der Welt bis heute stolz als Geburtsstunde eines weltoffenen, gastfreundlichen Deutschland in Erinnerung ruft, künftig noch ein Ansehen in der Welt haben wie ein Dieselauto von VW.

Dann müsste auch die Biografie der nationalen Lichtgestalt Franz Beckenbauer umgeschrieben werden. Dann muss der DFB gereinigt und neu organisiert werden. Zu prüfen ist ja auch, wer alles noch Bescheid von schwarzen Kassen wusste, mit denen offenbar sogar die Bundesregierung ausgedribbelt wurde, im diskreten Doppelpass des deutschen Fußballs mit der Fifa. Wenn die Vorwürfe zutreffen, hat der Weltverband sogar bereitwillig die Rolle einer Geldwaschanlage übernommen.

Warum hätte er das tun sollen - ohne einen eigenen Vorteil? Jetzt bebt sie wirklich, die Fußballwelt.

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