Furcht vor Super-GAU im AKW Fukushima Verzweifelter Wettlauf gegen die Zeit

Die Krise in dem defekten japanischen Atomkraftwerk Fukushima spitzt sich weiter zu. In einem verzweifelten Wettlauf gegen die Zeit versuchen die Betreiber mit Borsäure und Meerwasser den Super-GAU abzuwenden. Doch im zweiten Block soll es bereits zur Kernschmelze gekommen sein. 200.000 Menschen sind in der betroffenen Präfektur auf der Flucht vor der drohenden Katastrophe.

Von Henrik Bork, Tokio

Die Regierung räumte heute erstmals ein, dass in zwei Reaktoren bereits eine teilweise Kernschmelze begonnen haben könnte. Für Reaktorblock Eins sei die "Wahrscheinlichkeit recht hoch" und für Reaktorblock Drei arbeite man bereits unter derselben Annahme, sagte Regierungssprecher Yukio Edano.

Meerwasser und Borsäure wird in den Block Eins des Kernkraftwerkes gepumpt, dessen sämtliche Kühlsysteme bereits am Samstag ausgefallen waren. Experten bezeichneten dies als "verzweifelte" Versuche, eine komplette Kernschmelze zu verhindern. Zusätzlich fiel am Sonntag auch noch die Kühlung im Reaktorblock Drei aus. Der ist anders als Block Eins mit gefährlichem Mox-Brennstäben beladen, die aus Plutonium hergestellt werden und im schlimmsten Falle noch viel mehr Strahlung freisetzen könnten als die Uran-Brennstäbe aus Block Eins.

Während die Regierung mit der Evakuierung von 200.000 Menschen begonnen hat, die in einem Radius von 20 Kilometern um den Unglücksreaktor leben, herrschte in den Einsatzstäben der Regierung eine gewisse Konfusion. So war beispielsweise unklar, wie weit die mögliche Kernschmelze bereits fortgeschritten sein könnte. "Weil es im Inneren des Reaktors stattfindet, können wir es nicht direkt prüfen, aber wir handeln unter der Annahme einer möglichen partiellen Kernschmelze", sagte Japans Regierungssprecher Yukio Edano über den Reaktorblock Drei in Fukushima.

Erdbebenstärke nach oben korrigiert

Das schwere Erdbeben im Norden Japans, dessen Stärke am Sonntag von 8,8 auf 9 korrigiert wurde, und meterhohe Tsunami-Flutwellen hatten bewirkt, was alle Sicherheitszenarios der japanischen Nuklearindustrie zuvor als höchst unwahrscheinlich eingestuft hatten: Sie hatten ein mehrstufiges Kühlsystem außer Gefecht gesetzt. Nicht nur das Hauptkühlsystem, sondern auch sämtliche dreizehn Diesel-Notstromaggregate in dem AKW fielen aus.

Um einen GAU abzuwenden, hatten der Betreiber Tepco bereits am Samstag aus dem Reaktorblock Eins radioaktiven Dampf ablassen müssen. Es war das erste Mal in der Geschichte der japanischen Nuklearindustrie, dass absichtlich Strahlung in die Atmosphäre abgelassen wurde, um ein noch größeres Unglück abzuwenden. Am Sonntag dann begann Tepco, auch bei Block Drei die Ventile zu öffnen. Weitere Strahlung entwich.

Vor dem Kernkraftwerk überstiegen am Sonntag die Strahlenwerte erstmals die gesetzlich zugelassenen Höchstwerte. 882 statt der erlaubten 500 Mikrosievert wurden in stündlichen Messungen ermittelt, wie die japanische Agentur für Atomsicherheit mitteilte. Regierungssprecher Edano sagte, zeitweise sei der Wert auf 1204 Mikrosievert angestiegen. All dies stelle jedoch zurzeit "keine Gesundheitsgefahr" dar, sagte Edano.

"Alle wollen hier weg"

19 weitere Anwohner des Kernkraftwerkes wurden am Sonntag als Strahlenopfer behandelt. Insgesamt könnten bislang 160 Menschen gesundheitsschädlicher Radioaktivität ausgesetzt worden sein. "Alle wollen hier weg, aber die Straßen sind schlimm", sagte eine Anwohnerin in Minami Soma in der Nähe des Kernkraftwerkes am Telefon. Das japanische Fernsehen zeigte Bilder von der Evakuierung, die bislang in geordneten Bahnen verlief.

Auch im weniger als 300 Kilometer entfernten Tokio gab es außer einigen Hamsterkäufen in Supermarkten und langen Schlangen an den Tankstellen kaum Anzeichen von Panik. Manche Menschen setzten sich in Richtung Süden ab, aber der Großteil der Bevölkerung schien den Aussagen der Regierung zu glauben, die Lage im Wesentlichen unter Kontrolle zu haben.

Wie groß die Gefahr eines GAU derzeit ist, also des Austritts von großen Mengen radioaktiven Materials im Stile der Tschernobyl-Katastrophe, ist im Moment schwer abzuschätzen. "Wir sind noch nicht beim schlimmsten Fall angekommen, aber ob der eintritt, wissen wir nicht. Auch die Betreiber selbst wissen das im Moment nicht", sagt Philip White, Sprecher der japanischen Gruppe "Citizens' Nuclear Information Center". Er kritisierte den Radius von "nur 20 Kilometern", in dem derzeit evakuiert wird.

Während ein großer Teil der japanischen Ostküste verwüstet war, vielen Autobahnen und Flughäfen im Norden des Landes geschlossen blieben, lief eine massive Rettungsoperation mit 100.000 Soldaten und anderen Einsatzkräften an. In der nördliche Präfektur Miyagi wurden bis zu 10.000 Tote vermutet. Diese vom Erdbeben und Tsunami ausgelöste Krise erschwerte zusätzlich die Evakuierung der von der Reaktorkrise betroffenen Menschen.