Front National Le Pen erklärt seiner Tochter den Krieg

Für seine Sturheit bekannt: Jean-Marie Le Pen, Noch-Ehrenpräsident des Front National, am 1. Mai in Paris.

(Foto: AP)
  • Der Front National hat die Mitgliedschaft seines Ehrenvorsitzenden Jean-Marie Le Pen wegen antisemitischer Äußerungen ausgesetzt.
  • Der 86-Jährige revanchiert sich mit Beleidigungen. Er sagt im Radio, ein Wahlsieg seiner Tochter bei der Präsidentschaftswahl wäre "skandalös".
  • Seine Äußerungen werden Marine Le Pen vermutlich politisch sogar nutzen, weil sie ihr die gemäßigten rechtsgesinnten Franzosen in die Arme treiben.
Von Lilith Volkert

Seine Tochter Präsidentin von Frankreich? Was Jean-Marie Le Pen seit Jahren propagiert, kann sich der Politiker auf einmal gar nicht mehr vorstellen. "Wenn derartige moralische Prinzipien den französischen Staat leiten sollten, wäre dies skandalös", sagte Jean-Marie Le Pen dem Radiosender Europe 1 am Dienstag. Außerdem solle sie lieber früher als später den gemeinsamen Familiennamen ablegen.

Am Abend zuvor hatte der Front National (FN), die von Jean-Marie Le Pen mitgegründete Partei, seine Mitgliedschaft ausgesetzt. Ein Ausschluss des Ehrenvorsitzenden - bis vor kurzem undenkbar - scheint kaum mehr aufzuhalten zu sein. In den vergangenen Tagen hatte Le Pen prophezeit, sein Ausscheiden "wäre der Tod für den FN", jetzt will er "mit allen Mitteln kämpfen".

Auf ein Einlenken, gar eine Versöhnung, wagt wohl auch in den Reihen der Rechtspopulisten niemand mehr zu hoffen. Maximale Eskalation an allen Fronten passt viel eher zu dem für seine Sturheit bekannten 86-Jährigen - und zu der Tatsache, dass er mit der Strategie seiner Tochter, die Partei zu "normalisieren" und für die Mitte der Gesellschaft wählbar zu machen, im Grunde nie einverstanden war. Schon 1998 endete ein jahrelanger Streit mit Le Pens Stellvetreter Bruno Mégret - der damals eine ähnliche Linie verfolgen wollte wie Marine Le Pen heute - mit einer Spaltung der Partei. Das hat den Erfolg des Front National verzögert, aber nicht verhindert.

Auch ist die Äußerung über die Gaskammern der Nationalsozialisten, die Le Pen nun zum Verhängnis geworden ist, kein Ausrutscher, sondern gezielte Provokation. Der Politiker wiederholt sie - abwechselnd mit anderen antisemitischen und rassistischen Beleidigungen - seit fast 30 Jahren. Nun war es einmal zu viel.

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Mögen die öffentlichen Beleidigungen ihres Vaters Marine Le Pen auch persönlich treffen, der politische Schaden für die Partei wird sich in Grenzen halten. Zwar sitzt Le Pen noch bis 2019 im Europaparlament, doch hat er in den vergangenen Jahren deutlich an Einfluss eingebüßt. Der Kreis seiner Anhänger ist klein - und alt. Marine Le Pen schart seit Jahren junge, gut ausgebildete Nachwuchskräfte um sich, sie hat den Front National zu einer modernen Partei gemacht.

Gut möglich, dass sie sogar vom verbalen Amoklauf ihres Vaters profitiert. Je stärker dieser um sich schlägt, desto mehr treibt er gemäßigte rechtsgesinnte Franzosen in die Arme seiner vergleichsweise vernünftigen Tochter. Dabei unterscheiden sich deren Ansichten bezüglich Zuwanderung, innerer Sicherheit und der Todesstrafe gar nicht oder nur sehr oberflächlich von denen ihres Vaters.

Sicher fänden es einige - auch politisch linke - Franzosen bedauerlich, wenn Jean-Marie Le Pen tatsächlich von der politischen Bühne abtreten würde. Schließlich erinnert jeder seiner Eklats die Franzosen daran, welches Weltbild wirklich hinter der inzwischen so alert daherkommenden Partei steckt. Frankreich könne nur vor der Herrschaft des Front National gerettet werden, wenn der alte Parteigründer ewig lebe und weiterhin antisemitischen Quatsch von sich gebe, lästerte die Tageszeitung Libération vergangenes Jahr. "Wenn du schweigst", hieß es, "sind wir verloren."

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