Friedensnobelpreis Wen ruft man an, wenn man die EU anruft?

Wer wurde vom Nobelpreis-Komitee eigentlich darüber informiert, dass die Europäische Union den Friedensnobelpreis erhält? Darüber rätselt man auch in Parlament, Rat und Kommission, denn einen EU-Sprecher gibt es schließlich nicht.

Von Markus C. Schulte von Drach

Henry Kissinger, ehemals Außenminister der USA, soll einst gesagt haben: "Wen rufe ich denn an, wenn ich Europa anrufen will?" Er hat es wohl nie gesagt - zumindest kann er sich selbst nicht mehr daran erinnern.

Aber der Satz fasst trotzdem ein Problem zusammen, mit dem es auch das Nobel-Komitee zu tun hatte, das den Friedensnobelpreis an die Europäische Union vergeben wird.

Sonst gibt es den berühmten Anruf bei den Preisgewinnern, und die einfühlsamen Berichte darüber, wie diese reagieren. Die Europäische Union aber hat keinen einzelnen Vertreter, keinen Präsidenten, nicht mal einen Sprecher. Es gibt vielmehr drei Organisationen mit jeweils einem Präsidenten: Das Parlament, die Kommission und den Rat mit den Präsidenten Martin Schulz, José Manuel Barroso und Herman Van Rompuy (respektive). Und bei wem hat das Nobel-Preis-Komitee nun angerufen?

Weder in Brüssel noch in Straßburg war dies herauszufinden. Ein Pressesprecher des europäischen Rats erklärte, es sei eine "komplizierte Frage", der man erst nachgehen müsse. Ähnlich äußerte man sich beim Parlament und bei der Kommission.

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Und wer wird den Preis am 10. Dezember in Oslo entgegen nehmen? Auch das ist derzeit völlig unklar. Immerhin: Ein Sprecher des Europäischen Parlaments betonte bereits, Martin Schulz sollte, als Vertreter der 500 Millionen EU-Bürger, auf jeden Fall dabei sein. In Frage käme vielleicht auch Catherine Ashton, Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik aus Großbritannien. Und die schwedische EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström hat inzwischen über Twitter vorgeschlagen, als Vertreter der 27 EU-Länder "27 Kinder nach Oslo" zu schicken.

Ein Anruf in Oslo bringt immerhin Klarheit in der Frage, wen man angerufen hat. "Niemand", sagt Geir Lundestad, Direktor des Norwegischen Nobel-Instituts, der auch als Sekretär des Nobelpreiskomitees dient. "Wir haben niemanden angerufen."

Als offiziellen Grund gibt der Wissenschaftler an, man habe befürchtet, dass die Entscheidung sonst vorab hätte bekannt werden können. Damit hat man in Oslo das Problem umgangen, selbst einen Vertreter der Europäischen Union zu bestimmen - oder gleich deren drei zu kontaktieren.

Die Frage, wer zur Preisverleihung anreisen wird, sei Sache der Europäischen Union, betont Lundestad. Es könnten ja auch mehrere Personen kommen. Auch alle drei Präsidenten? Lundestad hat damit kein Problem. Der Friedensnobelpreis wurde ja schon häufig an mehrere Personen, an Organisationen oder beides gleichzeitig vergeben.

Interessant bleibt allerdings die Frage, was mit dem Preisgeld geschehen soll. Teilen sich Parlament, Kommission und Rat das Geld? Zu gleichen Teilen? Und wird das ... friedlich vonstattengehen?

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Henry Kissinger jedenfalls sagte der Nachrichtenagentur AP zufolge kürzlich, er denke, das Zitat mit der Telefonnummer von Europa habe er ursprünglich von einem irischen Außenminister gehört. Doch er habe sich nie dagegen gewehrt, dass es ihm zugesprochen wurde. Denn schließlich "ist es doch eine gute Bemerkung".