Unruhen in den Banlieues Frankreich: Der Frust der Vergessenen

Im Pariser Vorort Aulnay-sous-Bois ziehen sich Jugendliche nachts Kapuzen über und packen Feuerzeug und Benzin in ihren Rucksack.

(Foto: AFP)

Im französischen Wahlkampf spielt das Elend der Vorstädte und ihrer Bewohner kaum eine Rolle. Die Politik interessiert sich nur dafür, wenn es - wie jetzt - wieder brennt. Ein großer Fehler.

Kommentar von Nadia Pantel

Es ist, als hätten Frankreichs Politiker und Fernsehteams mit den Bewohnern der vergammelten Vorstädte einen Deal geschlossen: Je mehr Autos und Schulen ihr anzündet, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir euch besuchen. Das Elend wird so lange übersehen, bis es um sich schlägt.

Nun ist es wieder so weit: In Aulnay-sous-Bois, 15 Kilometer vor Paris, ziehen sich Jugendliche nachts Kapuzen über und packen Feuerzeug und Benzin in ihren Rucksack, bevor sie auf die Straße gehen. Warum terrorisieren Menschen ihr eigenes Stadtviertel? Die linke Antwort lautet: weil sie als Einwandererkinder keine Jobs finden und der Gesellschaft die Verachtung spiegeln, die ihnen täglich begegnet. Die rechte Antwort lautet: weil sie nicht wissen, was sich gehört, und weil sie undankbare Schmarotzer sind.

Unabhängig von der politischen Überzeugung liest sich die Statistik der Banlieue so: Sieben Prozent der französischen Bevölkerung leben in sogenannten Zones Urbaines Sensibles. Das ist eine blumige Umschreibung für Stadtviertel, in denen die Arbeitslosigkeit doppelt so hoch ist wie im Rest des Landes, in denen das Bildungsniveau deutlich unter dem Durchschnitt liegt und in denen die Hälfte der Bewohner Einwanderer oder deren Kinder sind.

Nur die Abstiegsangst der weißen Mittelschicht wird thematisiert

An dieser Situation ändert sich seit Jahrzehnten nichts. Man könnte meinen, dass die Auflösung dieser Armutsghettos eines der großen Versprechen im Wahlkampf ist. Doch die Politik interessiert sich nur noch in Ausnahmefällen für die Resignation und Wut der Vorstädter. Und wenn, dann geht es nicht um deren desolate Lage, sondern um das Sicherheitsrisiko, das sie angeblich für die Gesellschaft darstellen.

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Dabei verstellen die brennenden Autos und die Nachwuchssuche islamistischer Terroristen in den trostlosen Vierteln den Blick darauf, dass die Demokratie die Banlieue-Bewohner abgeschrieben hat. Zum Schaden aller. In den aktuellen Debatten der westlichen Welt scheint die Abstiegsangst der weißen Mittelschicht der einzige Anlass zu sein, ausführlich über soziale Ungleichheit zu sprechen.

Das Prädikat "abgehängt" bekommt derjenige, der über Generationen glauben durfte, Anrecht auf ein großes Stück vom Kuchen zu haben. Das Verständnis, das weißen AfD-, Trump- und Le-Pen-Wählern entgegengebracht wird, ist ein Verständnis für ihre Verlustangst. In dieser Logik ist der Einwanderer nicht abgehängt, er stand halt einfach nie an derselben Startlinie. Seine Armut hat keine Tragik und Fallhöhe, sie ist erwartbar. Um seine Stimme wird nicht gekämpft.

Die Rechte imaginiert Frankreich als weißes, katholisches Land

Sein Frust wird erst dann wahrgenommen, wenn er in Gewalt umschlägt. Glaubt man dem rechtsextremen Front National, dann sind Einwanderer kriminelle Glücksritter, die das Land unterwandern. Doch dass Frankreich heute so bunt aussieht, wie es nun einmal aussieht, ist nicht das Ergebnis irregulärer Masseneinwanderung. Franzosen heißen heute nicht nur Louis und Chloé, sondern auch Demba und Nesrine, weil das Land allein auf dem afrikanischen Kontinent dreizehn Länder seine Kolonien nannte und jahrzehntelang Gastarbeiter aus elf verschiedenen Ländern angeworben hat.

Die Rechte tut so, als erwachse aus dieser Geschichte weder Gegenwart noch Verantwortung. Sie imaginiert Frankreich als ein homogenes, weißes, katholisches Land, das seine Ruhe haben will und in dem außerdem Männer Frauen lieben und niemanden sonst.

Diese Politik ist die Schreibtischvariante der Vorstadtkrawalle. Sie ist kurzsichtig und destruktiv. Und für Einwanderer und deren Kinder, für Juden, für Muslime, für Homosexuelle und für Frauen, die selbst entscheiden wollen, wann und ob sie Kinder bekommen wollen, klingt diese Politik nicht nach "guter, alter Zeit", sondern gefährlich.

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