Fotozensur im Ersten Weltkrieg Fotos wie von einer Urlaubsreise

Österreichische Soldaten ergeben sich russischen Truppen, lautet die Beschriftung dieses Fotos. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist diese Szene gestellt.

(Foto: Sueddeutsche Zeitung Photo)

Wie kamen die Fotos bei der Bevölkerung an?

Nicht alle Propagandabilder wurden geglaubt. Fotos, die eine gute Versorgungslage des Hinterlandes suggerierten, waren eine Farce und wurden auch so wahrgenommen. Diese Propagandalüge hat gegen Ende des Krieges zu Protesten geführt. Die gestellten Bilder von Kämpfen hingegen wurden in der Regel nicht kritisiert, da alle Beteiligten über das Zustandekommen der Szenen Bescheid wussten. Erst gegen Kriegsende gab es vereinzelte Debatten, ob konstruierte, gestellte Bilder zulässig seien. Frank Hurley etwa, ein australischer Fotograf an der Westfront, erkannte, dass der Krieg in seiner Dramatik nicht gut darstellbar war. Er wollte in Bildern ganz nahe an die Kämpfe heran, wollte aufregende Kampfszenen festhalten. Aus diesem Grund hat er Bilder bei Übungen im Hinterland aufgenommen. Aus diesen Negativen hat er neue Szenen gebastelt: hier ein Flugzeug ausgeschnitten, da einen stürmenden Soldaten eingebaut, ein paar dramatische Sonnenstrahlen und so weiter.

Das heißt, unsere bildliche Vorstellung vom Ersten Weltkrieg basiert auf Fotos, die manipuliert sind?

Es geht sogar noch weiter: In vielen Fotobänden der Nachkriegszeit und teilweise bis heute finden sich Bilder aus Kriegsfilmen der zwanziger Jahre, die die Schlachten nachgestellt haben. Dramatische Szenen von Soldaten, die aus dem Schützengraben hervorstürmen. Und mitten drin die Fotografen, die unter Lebensgefahr die Augenblicke der Gefahr fotografieren. Nur: die Bilder stammen nicht aus dem Krieg, sondern entstanden erst später. Aber sie haben sich als quasi authentische Bilder in unsere Köpfe eingegraben, auch wenn sie historisch falsch sind. Wir vergessen: Oft wurde wochen-, ja monatelang nicht gekämpft, sondern im Schützengraben abgewartet.

Anton Holzer ist Fotohistoriker und Herausgeber der Zeitschrift Fotogeschichte. Er publizierte im Primus-Verlag mehrere Bücher zum Ersten Weltkrieg: "Die andere Front. Fotografie und Propaganda im Ersten Weltkrieg", "Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914-1918" und "Die letzten Tage der Menschheit. Der Erste Weltkrieg in Bildern. Mit Texten von Karl Kraus".

(Foto: privat)

Es gab allerdings auch Soldaten, die den Frontalltag privat fotografiert haben.

Ja, aber auch hier gibt es sehr wenige Kampfbilder. Die privaten Fotos kommen nicht von vorderster Front, sondern bilden sehr oft Gemeinschaftsszenen ab, zeigen Land und Leute, die Kriegszerstörungen: Die Soldaten haben das fotografiert, was ihnen fremd war - wie bei einer Urlaubs- oder Abenteuerreise. Sehr viele Soldaten hatten ihre Kamera dabei. Und dennoch: Für alle war das Medium nicht zugänglich. Eine gute Fotoausrüstung kostete etwa den Monatslohn eines Beamten. Aber da die Nachfrage stieg, reagierte auch die Fotobranche auf den Markt: die Kameras wurden kleiner und handlicher, der leichte Rollfilm ersetzte die klobigen Glasplatten und es wurden lichtstarke Objektive eingeführt.

Was machten die Soldaten mit ihren Aufnahmen?

Die wurden nach Hause geschickt. Sie sollten eine geschönte Erinnerung an den Krieg ermöglichen. Bilder von Gräueltaten und Leichenfeldern jedoch gelangten nicht an die Heimatfront: Alle Briefe und Fotos wurden von der Zensur durchleuchtet.

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