Flüchtlingstragödie Italiens verzweifelter Kampf gegen Schlepperbanden

Migrants shipwreck press conference epaselect epa04712368 Italian Prime Minister Matteo Renzi talks during a press conference about a capsized migrant ship off Italian coast, at Chigi Palace in Rome, Italy, 19 April 2015. Hundreds were feared drowned after a ship packed with migrants capsized off the Libyan coast, the Italian Coast Guard said. Coast guard vessels rescued 28 people after the accident was reported around midnight (2200 GMT) 18 April. A total of 24 bodies have so far been recovered, but it was believed the ship had been carrying about 700 migrants when it capsized some 200 kilometres south of the Italian island of Lampedusa. EPA/ANGELO CARCONI +++(c) dpa - Bildfunk+++

(Foto: dpa)
  • Von Libyen aus legen die meisten Flüchtlingsboote in Richtung Europa ab. Seit dem Sturz des libyschen Machthabers Gaddafi herrscht in dem Land Chaos.
  • Die italienische Regierung fordert internationale Marine-Einsätze, um die Schlepperbanden anzugreifen und die Boote zu zerstören.
  • Italienischen Medien zufolge sind die Behörden in dem Land sehr genau informiert über die Banden. Offenbar existieren enge Kontakte mit Komplizen in Italien.
  • In Libyen warten schätzungsweise eine Million Menschen auf die Überfahrt nach Italien.
Von Oliver Meiler

Gewisse Zahlen sind so ungeheuerlich, dass sie die Kategorien des Denkens sprengen. 700, vielleicht sogar mehr als 900 Menschen ertranken am Wochenende auf ihrer Flucht nach Europa, im Mittelmeer, nur sechzig Seemeilen vor der libyschen Küste. Eingepfercht, gefangen auf einem übervollen, gekenterten Boot.

Wie viele es genau waren, wird man wohl nie erfahren. Wahrscheinlich wird auch ihre Identität und ihre Herkunft nie bekannt werden. Die Schlepper hatten die Flüchtlinge mit Waffengewalt an Bord gedrängt, viele von ihnen unters Deck, in den Bauch des Schiffes, und haben dann die Türe zum Laderaum abgeriegelt. Einer der wenigen Überlebenden erzählte nach seiner Rettung: "Es war klar, dass es nicht genügend Platz für uns alle gab." Es seien auch 40 oder 50 Kinder an Bord gewesen und 200 Frauen, 950 insgesamt.

Tod in den schwarzen Wogen

Die Retter waren schon gekommen, als Hunderte Migranten bei der größten Schiffskatastrophe auf dem Mittelmeer starben. Wie schon nach der Tragödie von Lampedusa ist das Entsetzen groß. Doch damals verhallten die Rufe nach Veränderung bald. Von Oliver Meiler mehr ... Report

Als die Hilfsschiffe am Unglücksort ankamen, war alles ruhig, still. Das Mittelmeer ist besonders tief an jener Stelle. Es hat die Flüchtlinge verschlungen, so viele auf einmal wie nie zuvor. Nur 28 überlebten.

Italien klagt, es werde mit dem Flüchtlingsstrom alleingelassen

Der Schriftsteller Claudio Magris schreibt im Corriere della Sera von einem "Crescendo des Horrors", dem man beiwohne, Tag für Tag. Auch diese Formel drückt vor allem die Ohnmacht über die Ungeheuerlichkeit aus. Und über die vermeintliche Ohnmacht schlechthin im Umgang mit dem Phänomen der Flucht, der Tragödien, der kriminellen Banden, von dem man annimmt, dass es in den nächsten Monaten noch viel massiver werden wird. Und ohne dass sich eine Politik abzeichnete, die dem Drama ein Ende setzen könnte. "Das Meer", sagt Italiens Premier Matteo Renzi, "ist eine hässliche Bestie. Militärisch werden wir sie nie ganz kontrollieren können." Aber wenigstens besser, um weitere Katastrophen zu verhindern?

Italien klagt seit geraumer Zeit, dass die Partnerstaaten in Europa es mit der Verwaltung des Flüchtlingsstroms von den südlichen Gestaden des Mittelmeers alleinlasse. Und dass dieser Strom solang nicht abnehmen werde, solang Libyen, wo die meisten Schaluppen der Verzweiflung ablegen, im politischen Chaos und in Anarchie verharre, seine Küsten nicht kontrolliere, die Menschenschmuggler fast frei gewähren lasse. An eine schnelle Stabilisierung Libyens glaubt niemand. Allzu fruchtlos verliefen dafür bislang die internationalen Vermittlungen für die Einsetzung einer Regierung der nationalen Einheit.

Marine soll Schlepperboote zerstören

Darum fordert die italienische Regierung die internationale Gemeinschaft nun dazu auf, möglichst alles daranzusetzen, die Schlepper zu bekämpfen, sie an ihrem skrupellosen Treiben zu hindern. Und das möglichst schnell. Die Rede ist von punktuellen Einsätzen der Marine gegen deren Netz und deren Transportmittel, um das Geschäft zu zerstören und weitere Tragödien zu unterbinden. Schlepperbanden, sagen die Italiener, seien wie die Mafia. Und da kennt man sich schließlich aus.

Vier Vorschläge, wie das Massensterben zu verhindern ist

700, vielleicht sogar mehr als 900 ertrunkene Flüchtlinge - in einer Nacht. Europa kann dem Sterben auf dem Mittelmeer nicht weiter zusehen. Doch welche Möglichkeiten hat die Politik? Von Paul Munzinger und Markus C. Schulte von Drach mehr ...

Wie genau der rechtliche Rahmen für eine solche Intervention aussähe, ist noch nicht klar. Eine militärische Aktion im eigentlichen Sinn scheint ausgeschlossen zu sein, weil sich sonst Libyen in seiner Souveränität verletzt sähe. Wahrscheinlicher sind gezielte Schläge gegen die Banden, vielleicht auch die Zerstörung der Boote, die da in den Häfen bereitliegen. Renzi telefoniert mit allen europäischen Hauptstädten, wirbt für den Plan.