Handelsschiffe als Flüchtlingsretter "Kinder rutschen aus den Rettungswesten und ertrinken"

Hilfe auf dem Mittelmeer

Wenn Handelsschiffe zur letzten Rettung für Flüchtlinge werden

Die Schiffe der Reederei Opielok Offshore Carriers haben seit Dezember vergangenen Jahres mehr als 1500 Menschen aus dem Mittelmeer gerettet.

  • Handelsschiffe der Hamburger Reederei Opielok mussten in den vergangenen Monaten zwölf Mal Flüchtlinge aus dem Mittelmeer retten.
  • Die Seeleute berichten von ertrinkenden Kindern sowie Flüchtlingen, die krank an Bord kommen und dort an Unterkühlung sterben.
  • Auch andere deutsche Handelsschiffe sind betroffen. Der Verband Deutscher Reeder hat sich deswegen in einem Brandbrief an Kanzleramtsminister Peter Altmaier gewandt.
Von Hannah Beitzer

Zwei Seeleute der Hamburger Reederei Opielok brachen kürzlich unter dem Druck zusammen. Sie sind arbeitsunfähig, traumatisiert von dem, was sie im Mittelmeer erleben mussten. Die Reederei, die mit zwei Spezialschiffen eine Bohrinsel zwischen Malta und der libyschen Küste versorgt, musste in den vergangenen Monaten zwölf Mal Flüchtlinge retten, die Schlepper auf das offene Meer geschickt hatten.

"Gerade die jüngeren Offiziere sind oft völlig fassungslos", sagt Reederei-Besitzer Christopher E. O. Opielok. Erst vor Kurzem erreichte eines seiner Schiffe ein Flüchtlingsboot, das kenterte, weil die Flüchtlinge in Panik alle auf eine Seite des Schiffes liefen. Seine Leute versuchten, die Menschen auf eine Rettungsinsel zu ziehen - und erlebten Schreckliches. "Kinder rutschen aus den Rettungswesten und ertrinken vor den Augen der Mannschaft", beschreibt Opielok die verzweifelte Lage auf dem Meer. Von den 300 Menschen, die an Bord des Bootes gewesen sein sollen, überlebten 120.

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40 000 Flüchtlinge zogen Handelsschiffe 2014 aus dem Meer

Die Reederei aus Hamburg ist nicht die einzige, die sich überfordert fühlt. "Viele unserer Seeleute stoßen bei der Rettung von Tausenden notleidenden Menschen, die auf der Flucht in Seenot kommen, an ihre körperlichen und psychischen Grenzen", schrieb der Verband Deutscher Reeder vergangene Woche in einem Brief an Kanzleramtsminister Peter Altmaier. Verbands-Geschäftsführer Ralf Nagel sagt, 40 000 Flüchtlinge seien allein im vergangenen Jahr von Handelsschiffen vor den Küsten Europas gerettet worden. Seit dem Ende des italienischen Programms Mare Nostrum steuerten viele Schlepper bewusst die Handelsrouten an, weil sie hier auf die Bergung der Flüchtlinge hoffen können.

In diesem Jahr befürchten die Reeder, dass es bis zu 100 000 Flüchtlinge werden könnten. Jetzt, wo das Wetter besser wird, brechen mehr und mehr Menschen in Richtung Europa auf, sagen Nagel und Opielok. "Viele der Flüchtlinge wissen gar nicht, wie gefährlich es auch im Sommer auf dem Meer ist", sagt Nagel. Die Menschen können häufig nicht schwimmen oder mit Rettungswesten umgehen.

Meistens erreicht ihr Notruf zuerst die italienische Küstenwache und die bestellt dann die Handelsschiffe zu den Flüchtlingsbooten. Die Reederei Opielok ist häufig betroffen, weil ihre 78 Meter langen Spezialschiffe eine verhältnismäßig große, freie Deckfläche haben. "Wir können notfalls bis zu 1000 Menschen transportieren, haben aber keine ausreichenden Rettungsmittel für so viele Passagiere an Bord", sagt Opielok. Seine Leute hätten auch Angst vor Massenpaniken, oder davor, dass sich mit den Flüchtlingen Piraten oder gar IS-Terroristen an Bord schmuggelten.

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Sobald ein Notruf das Schiff erreicht, beginnt ein fixer Ablauf, den die Reederei mit ihren Leuten einstudiert hat. Die Mannschaft besteht aus zwölf bis 13 Personen. Sie beginnen noch auf der Fahrt zur Unglücksstelle für die Flüchtlinge Proviant, Wasser und Decken bereitzulegen. Die Innenräume des Schiffes werden abgeriegelt, damit die Flüchtlinge an Deck bleiben. Während der Kapitän auf der Brücke mit einem weiteren Seemann das Schiff manövriert, ist der leitende Ingenieur im Maschinenraum. Der Koch bereitet Essen vor, das Rettungsboot wird mit drei Mann zu Wasser gelassen. So bleiben meist gerade einmal fünf Mann an Deck, die sich auf die Übergabe vorbereiten.

Sie sehen sich vielen Hundert Menschen gegenüber, die in schrottreifen Fischerbooten auf dem Meer treiben oder im kalten Wasser ums Überleben kämpfen. "Viele der Menschen, die unsere Leute an Bord holen, sehen sehr, sehr krank aus", sagt Opielok. Seine Mannschaft trägt deswegen bei der Rettung Schutzanzüge. Wenn sich ein Schiffsunglück - wie das, von dem er im Interview berichtet - kurz vor Sonnenuntergang ereignet, kommt die Kälte dazu. "Einige sterben noch an Deck an Unterkühlung", sagt der Reeder. Dazu kommen sprachliche Schwierigkeiten, viele Flüchtlinge sprechen kein Englisch.

Viele sterben an Bord an Unterkühlung

Einen Arzt haben Handelsschiffe normalerweise nicht dabei, nur eine Bordapotheke. "Selbst wenn es die Menschen aus dem kalten Wasser an Bord schaffen, sterben viele von ihnen in den folgenden Stunden ohne die nötige medizinische Versorgung", sagt Nagel. Viele Schiffe nehmen bereits mehr Rettungsmittel mit, zum Beispiel Golddecken gegen Unterkühlung - aber das reicht nur notdürftig.

Der Reederverband fordert deswegen mehr Rettungseinsätze wie zum Beispiel Ärzte, die mit dem Hubschrauber auf die Handelsschiffe fliegen können. Die Reeder wollen vor allem nicht alleingelassen werden mit einem Problem, das eigentlich ein politisches ist. Opielok wünscht sich auch mehr Grenzschutz, vielleicht mit Unterstützung der Bundeswehr.

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Die Schiffe sind übrigens rechtlich dazu verpflichtet, Menschen in Seenot aufzunehmen. Zwischen fünf Stunden und eineinhalb Tagen dauert eine Rettungsaktion laut Reeder Opielok. Klar, dass das seinen Auftraggebern nicht immer gefällt. Über diese finanzielle Seite ihrer Pflicht wollen die Reeder aber gar nicht vornehmlich sprechen. "Die Rettung von Menschen ist für Seeleute rechtliche Pflicht und Ehrensache. Aber es hat schlicht ein Ausmaß erreicht, das unsere Mannschaften nicht durchhalten können", sagt Nagel. Ausdrücklich lobt er die italienische Küstenwache: "Sie tut wirklich alles, was sie kann."

Doch angesichts von Tausenden Menschen, die sich trotz aller Gefahren auf den Weg nach Europa machen, ist das nicht genug.