Flüchtlinge Was wirklich hilft, wird nicht getan

Ein syrisches Mädchen sitzt in einem türkischen Flüchtlingslager vor dem Zelt.

(Foto: dpa)

Die Zustände in den Flüchtlingslagern rund um Syrien sind so desolat, dass die Menschen weiter fliehen. Das zu ändern ist viel besser als die Debatte über Flüchtlingshöchstgrenzen.

Kommentar von Heribert Prantl

Seit Monaten funkt der UN-Flüchtlingskommissar SOS; aber es hört ihn kaum einer - auch nicht in der deutschen Politik. Der Mann beklagt himmelschreiende Zustände in vielen Flüchtlingslagern in Libanon, in Jordanien, in der Türkei und im Irak. Der Flüchtlingskommissar muss die Nahrungsrationen kürzen, weil nicht genug Geld da ist. Seine Mittel reichen nicht einmal für die elementare Grundversorgung. Die Flüchtlinge in den Lagern der Region haben zu wenig zu essen, sie haben zu wenig zu trinken, die sanitären Verhältnisse sind desolat bis trostlos. Es ist zum Verzweifeln.

Die Klage und die Verzweiflung werden übertönt und übertüncht vom Lärm der heimischen Debatten über Flüchtlingshöchstgrenzen, einen Aufnahmestopp für Flüchtlinge, über das Schließen von Grenzen und das Hochziehen von Zäunen. Diese Debatten auch in Deutschland sind laut, falsch und nutzlos. Was wirklich hülfe, wird nicht getan: die Flüchtlingslager in den Regionen nahe Syrien so auszustatten, dass Flüchtlinge dort leben können.

Vom Geld, das die Staaten der Weltgemeinschaft für die UN-Ernährungsprogramme zugesagt haben, ist nur ein Drittel eingegangen. Deutschland gehört zwar nicht zu den säumigen Zahlern, leidet aber an den Folgen der Säumigkeit der anderen - die schlechte Versorgung in den Flüchtlingslagern setzt neue Fluchtursachen, treibt die Menschen auf die Balkanroute und weiter nach Westeuropa. Das ist die knickrige Realität der Fluchtursachenbekämpfung, über die auf Konferenzen und in den Parlamenten wohlfeil geredet wird. Flüchtlinge, die noch genügend Fliehkraft haben, werden genötigt, weiterhin zu fliehen. Wer von denen, die hierzulande über "Flüchtlingsströme" klagen, würde anders handeln, wenn er mit seinen Kindern in einem dieser Lager säße?

Was wirklich hilft, wird nicht getan

Allein in Libanon, einem Land mit 4,5 Millionen Einwohnern, leben mehr als 400 000 syrische Flüchtlingskinder im Schulalter, 100 000 von ihnen haben in libanesischen Schulen Platz gefunden. Und die anderen? Je länger die Kinder nicht in die Schule gehen, desto mehr verdüstern sich ihre Zukunftschancen, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kinder Gewalt ganz gut finden und dass sie lernen, mit Bomben statt mit Büchern ihr Selbstbewusstsein zu heben. Prävention gegen Terror - hier, in den Flüchtlingslagern der Region, ist der Ort dafür. Diese Prävention wäre weit billiger als später die Repression mit Tornado-Bombern. Flüchtlingslager ohne Schule und Zukunft sind Rekrutierungsstätten für Terroristen.

Flüchtlingskinder dokumentieren ihr Leben

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Die menschenwürdige Ausstattung der Lager in den Transitländern muss daher ein Anliegen der deutschen Flüchtlingspolitik sein, auch, wenn Deutschland seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber den UN nachgekommen ist. Genug kann nicht genügen, wenn das Elend so groß ist.

Nicht nur der deutsche Staat, auch die Zivilgesellschaft, auch die Kirchen sollen, müssen sich engagieren: Die reiche Diözese München könnte die Patenschaft für die Versorgung im Lager X, die reiche Diözese Köln im Lager Y übernehmen. Und die Politik könnte sich überlegen, ob man nicht eine Idee des Frankfurter Asylanwalts Victor Pfaff umsetzen könnte. Der hat sich über den idiotischen Vorschlag, syrische Flüchtlinge umzudrehen und bewaffnet nach Syrien zurückzuschicken, so aufgeregt, dass ihm Pfiffiges eingefallen ist: Man könnte etlichen syrischen Flüchtlingen in Deutschland anbieten, in den Flüchtlingslagern in Libanon und anderswo bezahlten Dienst zu versehen, also Unterricht zu geben und sich um die ärztliche Versorgung zu kümmern - unter Beibehaltung ihres Flüchtlingsstatus, den sie in Deutschland haben.

Gute Flüchtlingspolitik braucht solche Fantasie. Mit Beschwörungsformeln kommt man nicht weiter.

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