Die Koalitionsgespräche stocken. Die FDP wirft der CDU vor, keinen Neuanfang zu wollen. Für die Liberalen steht viel auf dem Spiel. Ihr Chef spricht sogar vom Krieg.
In der FDP wächst der Unmut über das Verhalten der Union in den Koalitionsgesprächen. Die Liberalen werfen CDU und CSU mangelnde Kompromissbereitschaft vor. Die Union zeigt sich dagegen zufrieden mit dem Verlauf der Verhandlungen, mancher spricht aber wegen des liberalen Unbehagens von einem "neuralgischen Punkt" in den Gesprächen.
Bild vergrößern
Gibt es keine Steuerreform, ist das für ihn ein "Kriegsgrund": FDP-Chef Guido Westerwelle am 8. Oktober auf dem Weg zu den Koalitionsgesprächen in Berlin. (© Foto: Getty)
Anzeige
Der FDP-Finanzexperte Volker Wissing sagte der Süddeutschen Zeitung, die CDU sträube sich gegen einen echten "Neuanfang" und plädiere stattdessen für ein "pragmatisches 'Weiter so'". Dafür aber stehe seine Partei nicht zur Verfügung. "Wir verlangen etwa im Bereich der Steuern unverändert eine grundlegende Strukturreform und darüber hinaus spürbare Entlastungen von Unternehmen und Bürgern bereits zum 1. Januar 2010", betonte er.
Der Vorsitzende des Haushaltsausschusses im Bundestag, Otto Fricke, der wie Wissing zu den Finanzunterhändlern der Liberalen zählt, sagte: "Manche Unionskollegen haben sich gedanklich noch nicht von der so bequemen Koalition mit der SPD gelöst." Die FDP müsse einen Koalitionsvertrag nicht um jeden Preis unterzeichnen, sagen Wissing und Fricke.
In der FDP-Bundestagsfraktion gibt es wegen der Haltung der Union auch Forderungen nach einem entschiedeneren Auftreten der Führungsspitze. Der Vorsitzende Guido Westerwelle hatte schon am vorigen Donnerstag in der großen Runde betont, es wäre der "Casus Belli", also ein "Kriegsgrund" wenn es keinen Einstieg in die von der FDP geforderte Steuerstrukturreform gäbe.
Das Präsidium der FDP und die Verhandlungsführer in den Arbeitsgruppen bekräftigten deshalb in einer langen Sitzung am Montagabend, dass alle Vorschläge der FDP weiter auf dem Tisch lägen. Steuerreform, bessere Bildung, mehr freiheitliche Bürgerrechte und Korrekturen am Gesundheitsfonds blieben unverrückbar die Forderungen der Liberalen.
"Neuralgischer Punkt" Auf Seiten von CDU und CSU gibt man sich sehr zufrieden mit dem Verlauf der Verhandlungen. Aus der Unionsspitze war zu hören, dass man froh sei, die FDP von den stärksten Forderungen insbesondere nach Steuersenkungen abgebracht zu haben. Dieses Gefühl habe, so berichten es Teilnehmer, auch bei einem Treffen der Unionsführung mit den Vorsitzenden der zehn Arbeitsgruppen am Montagabend im Kanzleramt vorgeherrscht.
Allerdings werde auf Unionsseite gesehen, wie gefährlich es sei, dass sich in der Öffentlichkeit der Eindruck breitmache, die FDP gehe leer aus. "Wir sind an einem neuralgischen Punkt der Gespräche", sagte ein Mitglied der Unionsführung. Dabei gebe es durchaus Verständnis für den Unmut in den Reihen der Liberalen. "Sie müssen an vielen Stellen den weitesten Weg gehen, das ist für die FDP nicht einfach."
Um die versprochenen Steuersenkungen zumindest teilweise umsetzen zu können, ist die FDP nach SZ-Informationen auch zu Einsparungen an anderer Stelle bereit. So könnten die Ausgaben der Bundesagentur für Arbeit ihrer Meinung nach um drei Milliarden Euro gekürzt werden. Durch eine bessere Bekämpfung des Umsatzsteuerbetrugs, die Bündelung des öffentlichen Einkaufs und den Wegfall des Mehrwertsteuerprivilegs der Post könnten weitere acht bis zehn Milliarden Euro gewonnen werden.
Auch die Union arbeitet an Streichlisten, hält sie aus Furcht vor dem Zorn der Bürger aber unter Verschluss.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Thema
- Koalitionsverhandlungen RSS
- Koalitionsverhandlungen "Quadratur des Kreises" 13.10.2009
- Atomausstieg Die Strahlkraft alter Ideen 13.10.2009
- Internet Der deutsche Offline-Herbst 13.10.2009
- Schwarz-Gelb: Koalitionsgespräche FDP stichelt gegen die Union 13.10.2009
- Koalitionsgespräche In der Finanz-AG wird gerechnet 12.10.2009
- Politik kompakt Allawi gesprächsbereit - in alle Richtungen 27.03.2010
- Koalitionsvertrag "Das sind Vereinbarungen und die kommen!" 26.10.2009
(SZ vom 14.10.2009/jab)
Meinen Segen haben Sie.
soll Herr Westerwelle einen ersten Verschlankungserfolg verkündet haben:
"Die Zusatzzahl im Lotto wird definitiv abgeschafft!!!"
*) spiegel.de/spam/
.
P.S.: Ich bitte, mich wegen dieses "Kommentars" nicht vollends zu verdammen...
... bei DEM Stück, welches seit Tagen im Koalitionsverhandlungskasperltheater zum Besten gegeben wird, konnte ich bei annähernd fast bestem Willen nicht wirklich widerstehen.
wie schön, dass sich das Volk wieder in der Erregungs- besser Empörungsdemokratie ergötzt. An gegenseitigen Schuldzuweisungen und Glaskugelweisheiten fehlt es nicht, aber an Lösungen bei denen alle gewinnen. Damit ist nicht die Taschensuche gemeint, wem man noch Geld aus dem Kreuz leiern kann.
Eine sicher sinnvolles Vorgehen ganz gemäß dem Verursacherprinzip, dort wo der Staat die Zeche für die Finanzkrise erstmal übernommen hat, sich die Beteiligung an den Gewinnen, sobald der Karren wieder läuft, zusichern. Wer Kurzarbeit beantragt hat und später wieder gut im Geschäft ist, hat entsprechend die Arbeitsagentur zu unterstützen für zukünftige Krisen. In guten Zeiten zurücklegen und für schlechte Zeiten unterstützen.
Staatsverschuldung im Augenblick zurückführen zuwollen ist illusorisch und wenn unsere Herrschaften ihrem eigenen Mantra vertrauen würden, dann sollten die Steuerquellen ja bald wieder sprudeln. Und Steuern und Abgaben gibt es genug in diesem Land. Nur das kann man nicht vorher sehen und da wird man kurzfristig handeln müssen. Die Optionen auf Steuerleichterungen als Strategie bei sprudelnden Quellen im Koalitionsvertrag festschreiben.
Nur den Bürger, der durch Lohndumping, Gesundheitsreformen und ähnliche Experimente eine ausgemergelte Kuh ist, auch noch zu schlachten, ist auf Dauer nicht gesund.
Wohl nicht. Ein gesichtswahrender Rückzug aus den Koalitionsverhandlungen ist weder für die CDSU, noch für die FDP möglich. Beide sind aufgrund ihrer alternativlosen Festlegungen vor der Wahl dazu verdonnert, diese Koalition auf die Beine zu stellen. Verlierer dieser Koalition wird für mich vermutlich die FDP, die, im Gegensatz zum konzeptlosen Programm der CDU, vor der Wahl großmäulige Versprechungen gemacht hat.
... ich werde nun für heute letztmalig meine Zeit an Ihnen verschwenden.
Ihre Logik, daß Insuffizienz gleich Untermenschlichkeit sei, kann ich nicht nachvollziehen; und dafür bin ich auch sehr dankbar.
Ich habe tatsächlich kein Förmchen mehr, da ich dem entsprechenden Alter bereits weit entwachsen bin. Aus diesem Grunde habe ich bei Abfassung meines Kommentars den Konjunktiv gewählt. (Nur zur Sicherheit: Konjunktiv gleich Möglichkeitsform)
Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.
Paging