FDP-Funktionär beschimpft Merkel-Gegner Wutbürger im Wespennest

Die politische Stimmung in Stuttgart ist vergiftet. Das zeigt die Posse um Michael Marquardt. Der FDP-Politiker beleidigte via Facebook Demonstranten als "alte, gefrustete Weiber mit ungepflegten Haaren" und "nach Schweiß stinkende Männer". Das Echo ist so verheerend, dass auch manchem Parteifreund unwohl wird.

Von Oliver Das Gupta

Lautstarker Protest gegen die Bundeskanzlerin: Demonstranten auf dem Stuttgarter Marktplatz bei der Wahlkampfverantaltung zur Stuttgarter OB-Wahl, an der auch Angela Merkel sprach:

(Foto: dpa)

Die Stuttgarter fiebern der Stichwahl über das Amt des Oberbürgermeisters entgegen. Hart und teils mit Gemeinheiten garniert war der Wahlkampf zwischen dem Grünen Fritz Kuhn und dem parteilosen Werbefachmann Sebastian Turner, der für Schwarz-Gelb antritt. Am Abend des 22. Oktober wird einer von beiden der neue OB sein, die Emotionen dürften sich allerdings auch nach der Wahl kaum abschwächen. Das politische Klima ist wegen Stuttgart 21 ziemlich schlecht - Schlichtung hin, Volksabstimmung her.

Wie giftig es zugeht, zeigt die Posse um den FDP-Politiker Michael Marquardt, der mit einem Facebook-Eintrag seit Tagen für Wirbel sorgt. Der Funktionär war am 12. Oktober bei einem öffentlichen Auftritt von Angela Merkel in Stuttgart anwesend. Den Termin dürfte die Kanzlerin noch lange in Erinnerung behalten: Stuttgart-21-Gegner, aber offenbar auch Gegner ihrer Euro-Politik überzogen die Freiluft-Veranstaltung mit einem Konzert aus Pfeifengetriller und Buhrufen. Merkel hielt ihre Rede mit versteinertem Gesicht.

Marquardt, der stellvertretende Stuttgarter FDP-Chef, war empört. Er ging nach Hause - und formulierte seine Wut in einem undiplomatischen Eintrag auf seiner Facebook-Seite. Darin beschimpfte er die Demonstranten als "alte, gefrustete Weiber mit ungepflegten Haaren und Trillerpfeifen und ungepflegte, nach altem Schweiß stinkende, rumbrüllende Männer ohne jeden Anstand". Und fügte hinzu: "Du wirst beleidigt, wenn du applaudierst, angebrüllt, weggedrängt."

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Weit mehr als 1000 Facebook-Nutzer haben Marquardts Aussagen kommentiert. Einige pflichten ihm bei, doch die meisten lassen ihrer Empörung über Marquardts Suada freien Lauf. Der Shitstorm wirkt so aggressiv wie der Konflikt, der die Stuttgarter auf der Straße spaltet. Einer schreibt von "Neoliberalen Kapitalfaschisten", ein anderer will FDP-Wähler erschießen. Marquardt erzählt Süddeutsche.de von Drohanrufen, manche wollen seinem Hund etwas antun.

"Ich kippe nicht um"

Geschrieben habe er das Posting des Anstoßes "in einem Zustand großer Empörung", man habe die Veranstaltung nicht nur gestört, sondern auch die Kanzlerin sexistisch beleidigt. Das habe ihn so aufgewühlt, dass eben diese Wortwahl zustandegekommen sei.

Marquardt versichert, aus der Sache gelernt zu haben: Er habe sich fest vorgenommen, in einer ähnlichen Situation künftig "eine Nacht darüber zu schlafen, bevor ich mich äußere". Löschen wolle er seinen Beitrag nicht, weil der sonst an anderer Stelle im Netz auftauche. Außerdem stehe er zu seiner Kritik an dem Radau, der der Kanzlerin entgegenschlug. "Ich kippe nicht um."

Inzwischen ist das Posting auch zu einem Politikum geworden. Manchem Stuttgarter Liberalen wird die Causa zu bunt. Die Sache soll bei der nächsten Sitzung des Kreisvorstands besprochen werden, berichtet die Stuttgarter Zeitung. Einig sind sich die Liberalen nicht: Der Stuttgarter FDP-Chef hatte die Äußerung seines Vizes gutgeheißen. Andere Funktionäre wie der Vorsitzende der FDP-Fraktion im Gemeinderat kritisieren, dass Marquardts Beitrag nach wie vor im Internet stehe.

Marquardt selbst gibt sich unbekümmert. "Ich rechne nicht mit Konsequenzen", sagt er. Mittlerweile erreiche ihn immer mehr Zuspruch, sogar Glückwunsche seien dabei. Dass Stuttgart nach der OB-Wahl zur Ruhe kommt und das Klima weniger giftig wird, glaubt der Freidemokrat nicht. "Der Konflikt wird noch zehn, zwölf Jahre weiterschwelen", sagt Michael Marquardt, "bis der Bahnhof steht."