OB-Wahl in Stuttgart Patt mit Vorsprung

Fritz Kuhn liegt nach der ersten Runde der Stuttgarter OB-Wahl knapp vor dem bürgerlichen Kandidaten Sebastian Turner. Der 57-Jährige hat gute Chancen, als erster Grüner ins Rathaus einer deutschen Landeshauptstadt einzuziehen. Vorausgesetzt, seine Gegner treten nicht noch einmal an.

Von Roman Deininger, Stuttgart

Fritz Kuhn gilt bei den Grünen als großer Stratege, doch die Strategie, die er am Sonntagabend gegen 20 Uhr im Stuttgarter Rathaus ausgab, war für seine gehobenen Standards arg kunstlos. "Wer ein Wahlergebnis lesen kann", rief er seinen Anhängern zu, "weiß, dass wir das in 14 Tagen gewinnen werden."

Freude bei den Stuttgarter Grünen über die Pattsituation: Fritz Kuhn und die baden-württembergische Landtagsabgeordnete Muhterem Aras.

(Foto: dapd)

In 14 Tagen, am 21. Oktober, findet die zweite Runde der Stuttgarter Oberbürgermeister-Wahl statt. Und Kuhn, 57, dürfte dann in der Tat zumindest gute Chancen haben, als erster Grüner ins Rathaus einer deutschen Landeshauptstadt einzuziehen. Die stolze baden-württembergische CDU steht nach der Niederlage bei der Landtagswahl im März 2011 vor einer weiteren Demütigung.

Kuhn, der ehemalige Bundesvorsitzende und Bundestagsfraktionschef der Grünen, lag am Sonntag im ersten Wahlgang laut vorläufigem Endergebnis mit 36,5 Prozent der Stimmen knapp vor dem bürgerlichen Kandidaten Sebastian Turner mit 34,5 Prozent. Die Schwäbisch Haller Sozialbürgermeisterin Bettina Wilhelm, die als Unabhängige für die SPD antrat, blieb mit 15,1 Prozent hinter den Erwartungen zurück. Einen Achtungserfolg erreichte mit 10,4 Prozent der junge Hannes Rockenbauch, der ein Linksbündnis und die radikalen Gegner des Bahnhofprojekts Stuttgart 21 hinter sich versammelt hatte. Die Wahlbeteiligung lag bei 46,7 Prozent.

Um bereits am Sonntag zum OB gewählt zu werden, hätte einer der Kandidaten die absolute Mehrheit erreichen müssen. Im zweiten Durchgang dürfen nun alle 14 Bewerber noch einmal antreten - es gewinnt dann aber einfach derjenige mit den meisten Stimmen.

Viel wird davon abhängen, ob Wilhelm und Rockenbauch auf eine neuerliche Kandidatur verzichten. Wahlforscher haben ermittelt, dass die Unterstützer der beiden im Falle ihres Rückzugs eher Kuhn zuneigen als Turner. Eine Absprache zwischen den Grünen, der SPD oder dem Linksbündnis gibt es allerdings nicht. Die Zersplitterung des linken Lagers hatte 1996 und 2004 zu den Wahlsiegen des jetzt scheidenden CDU-OBs Wolfgang Schuster beigetragen. Wilhelm ("Ich bin enttäuscht") will sich am Montag äußern, Rockenbauch ("Ein tolles Ergebnis") drei Tage lang mit seinen Anhängern beraten.

Ursprünglich hatten Experten geglaubt, dass der Unternehmer Turner, der von CDU, FDP und Freien Wählern aufgestellt wurde, das Feld in der ersten Runde mit breiter konservativer Unterstützung anführen würde. Seine Kampagne litt jedoch darunter, dass Teile der CDU keine Leidenschaft für die Idee entwickelten, die schwarze Fahne einem parteilosen Bewerber anzuvertrauen. Der frühere Werbemanager Turner sprach am Sonntagabend im Rathaus tapfer von einer "super Start-Voraussetzung" für den 21. Oktober. Es war ein Slogan, der nicht viele Zuhörer überzeugt haben dürfte.