Kommentar zum Fall Skripal Erst mal Beweise

Erstmal untersuchen: In Schutzanzügen und mit Gasmasken untersuchen Polizisten den Ort, an dem Sergej Skripal und seine Tochter Julia nach der Nervengift-Attacke gefunden wurden.

(Foto: Getty Images)

Wer steckt hinter dem Gift-Anschlag auf den russischen Doppelspion und seine Tochter? Viel spricht dafür, dass es die Regierung in Moskau war. Aber Belege für ihren Vorwurf sind die Briten bislang schuldig geblieben.

Kommentar von Georg Mascolo

Boris Johnson, der britische Außenminister, sagt, "höchstwahrscheinlich" stecke Wladimir Putin persönlich hinter dem schockierenden Giftgasangriff auf den früheren russischen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter Julia. "Höchstwahrscheinlich" also soll der russische Präsident den Einsatz einer Massenvernichtungswaffe befohlen haben - was irgendwo zwischen einem Verbrechen und einem kriegerischen Akt anzusiedeln wäre.

Weiter reichend können die Vorwürfe nicht sein. Aber die Aufklärung der Tat, jedenfalls soweit sie sich öffentlich nachvollziehen lässt, bleibt dahinter noch weit zurück. Niemand kann sagen, was die britische Regierung weiß und was sie nur vermutet, wofür es Belege gibt und was sich nur mit mehr oder weniger guten Gründen schlussfolgern lässt.

2007 wurden die Molekularstruktur und die Formel von Nowitschok gar veröffentlicht

Wenn es um Massenvernichtungswaffen geht, lagen westliche Geheimdienste mal richtig, oft aber auch schrecklich falsch. Nicht nur im Irak. Geht es um Mord, ist die Bilanz nicht viel besser. Eine nach dem Ende des Kalten Krieges erstellte Liste von angeblichen Mordopfern der Stasi war größtenteils fehlerhaft. Die Erfahrung lehrt: Manchmal sind "Erkenntnisse" der Nachrichtendienste auch nur eine Vermutung - freilich eine, die den "Geheim"-Stempel trägt.

Das im britischen Salisbury eingesetzte Nervengift Nowitschok wurde in der Sowjetunion entwickelt, aber ein Überläufer brachte die Formel nach 1989 in den Westen. Auch hier wurde an der Chemikalie geforscht, so war es im Kalten Krieg üblich. Man wollte herausfinden, was der Feind kann. 2007 wurden die Molekularstruktur und die Formel von Nowitschok sogar veröffentlicht. Theoretisch könnte es also sein, dass Nowitschok auch außerhalb Russlands hergestellt worden ist.

Das alles heißt nicht, dass Russland unschuldig ist. Im Gegenteil: Vieles deutet darauf hin, dass das Attentat dort ersonnen, vorbereitet und in Auftrag gegeben worden ist. Und leider muss man dies Putins Staat inzwischen auch zutrauen, zumal der Präsident selbst erklärt hat, Verräter (wie Skripal aus Putins Sicht einer war) würden ihre Tat "1000-mal bereuen" und müssten "ins Gras beißen".

Ist es ausgeschlossen, dass das Gift in die Hände Krimineller gefallen ist?

Es ist gut möglich, dass britische Polizei und Geheimdienste mehr wissen, als sie bisher preisgeben wollen. Aber wenn Johnson und andere nun den Eindruck erwecken, es gebe in dieser Ermittlung keine Fragen mehr, dann schuldet die britische Regierung ihren Bürgern mehr als die bisher bekannten Indizien. Je gravierender die Vorwürfe, desto größer die Notwendigkeit, dass die Öffentlichkeit nachvollziehen kann, welche Beweise vorliegen. Dies gilt auch für die Öffentlichkeit in Deutschland, da sich die Regierung in Berlin an die Seite der Briten gestellt hat.

Ist es ausgeschlossen, dass Nowitschok in die Hände Krimineller gefallen ist? Produzieren inzwischen auch andere Staaten das Gift? Gut, dass die britische Regierung jetzt internationale Experten eingeschaltet hat. Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen untersucht von diesem Montag an das Gift von Salisbury.

Der erste offensive Einsatz eines solchen Kampfstoffes auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg ist ein viel zu ernster Vorgang, um Russland davonkommen zu lassen, wenn es hinter der Tat steckt. Aber es wäre auch fahrlässig, das Land bis hinauf zu seinem Präsidenten zu verurteilen, ohne den Fall auf das Sorgfältigste ausermittelt zu haben.

Boris Johnson: Russland hat heimlich Nervengift-Vorräte aufgebaut

Der britische Außenminister wirft Russland zudem vor, in den vergangenen zehn Jahren untersucht zu haben, wie das Nervengift Nowitschok bei Attentaten eingesetzt werden könne. mehr...