Fahndung nach NSU-Terroristen Berliner Polizei behielt Hinweis für sich

Wenn Behörden einander behindern: Nach SZ-Informationen bekam das Berliner Landeskriminalamt 2002 von einem Spitzel einen Hinweis auf den Aufenthaltsort des NSU-Trios Zschäpe/Mundlos/Böhnhardt. Doch die zuständigen Zielfahnder in Thüringen erfuhren davon nichts.

Von Tanjev Schultz

Die V-Mann-Affäre der Berliner Polizei wird immer peinlicher. Den Hinweis eines Spitzels auf den möglichen Aufenthaltsort der Zwickauer Terrorzelle hat das Berliner Landeskriminalamt (LKA) offenbar nicht an die zuständigen Fahnder in Thüringen weitergeleitet. Das bestätigte eine Sprecherin des LKA in Thüringen am Samstag der Süddeutschen Zeitung. "Nach derzeitiger Aktenlage" sei damals kein Hinweis aus Berlin eingegangen.

Die Zielfahnder in Thüringen suchten seit 1998 nach dem Neonazi-Trio Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Wie erst jetzt herauskam, hatte die Berliner Polizei von 2000 bis 2011 einen Informanten, der zu den mutmaßlichen Unterstützern des Trios zählt: Thomas S.

Er gab zu, dem Trio vor 1998 Sprengstoff besorgt und sich in der ersten Fluchtphase um ein Quartier gekümmert zu haben. Ob er später noch direkten Kontakt zum Trio hatte, ist unklar und ihm derzeit nicht nachzuweisen. Sein Hinweis im Jahr 2002 an die Berliner Polizei beruhte offenbar nur auf Hörensagen. Der Hinweis hätte nach derzeitigem Stand dennoch umgehend an die zuständigen Fahnder in Thüringen weitergeleitet werden müssen.

Die Sprecherin des LKA in Thüringen teilte mit, in den Jahren bis 2003 habe es, so weit man das bisher reskonstruiert habe, aus Berlin lediglich einen Hinweis gegeben. Dieser sei im Mai 2000 erfolgt. Ein Mann wollte die drei Untergetauchten in einem Biergarten in Berlin gesehen haben. Der Hinweis führte jedoch nicht zu den Tätern.

Großes Unverständnis im Untersuchungsausschuss des Bundestags gibt es über das Verhalten des Berliner CDU-Innensenators Frank Henkel. Er hatte die Abgeordneten monatelang nicht informiert. Auch Henkels Vorgänger Ehrhart Körting steht nun unter Druck. Der SPD-Politiker war von 2001 bis 2011, also in der fraglichen Zeit, Innensenator.

Im Untersuchungsausschuss war diese Woche bekannt geworden, dass der Informant Thomas S. in den Jahren 2001 bis 2005 insgesamt fünf Mal Hinweise auf das untergetauchte Trio oder dessen Umfeld gegeben haben soll. Die Fahndung nach Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt lief bundesweit. Damals ging es um Sprengstoffdelikte. Von der Mordserie der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) war noch nichts bekannt.

Der NSU wird für zehn Morde verantwortlich gemacht, die erste Tat wurde im Jahr 2000 in Nürnberg verübt. Opfer waren in neun Fällen Kleinunternehmer mit türkischen beziehungsweise greichischen Wurzeln. Im Jahr 2007 sollen die Killer des NSU außerdem eine Polizistin in Heilbronn erschossen haben.