Exekutionen von Schiiten:Scharfe Kritik aus Teheran - heftige Proteste nach Hinrichtungen in Saudi-Arabien

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Iraker in der Stadt Basra wollen auf der Straße ein Plakat des hingerichteten Schiiten-Predigers Nimr al-Nimr aufhängen. (Foto: REUTERS)
  • Nach der Hinrichtung eines prominenten schiitischen Geistlichen in Saudi-Arabien sendet Ajatollah Ali Chamenei, oberster geistlicher Führer des schiitischen Irans, harsche Worte an Riad.
  • Im Iran, aber auch in anderen schiitisch geprägten Ländern der Region, kommt es zu massiven Protesten gegen Saudi-Arabien.
  • Riad wirft Teheran die Unterstützung terroristischer Handlungen und einen aggressiven Tonfall vor.

Chamenei droht mit "Rache Gottes"

Die Hinrichtung des schiitischen Oppositionellen Nimr al-Nimr und anderer schiitischer Häftlinge in Saudi-Arabien schürt massive Spannungen mit Iran. Der oberste geistliche Führer des Landes, Ajatollah Ali Chamenei, sagte in Teheran, die "Rache Gottes" werde saudische Politiker treffen.

Der getötete Geistliche Al-Nimr sei ein "Märtyrer". Er habe weder zu einem bewaffneten Vorgehen ermutigt, noch habe er sich an geheimen Verschwörungen beteiligt. Er habe lediglich aus religiöser Pflicht öffentlich Kritik in dem sunnitisch dominierten Königreich geäußert.

Der Oppositionelle Al-Nimr war am Samstag gemeinsam mit 46 anderen wegen Terrorvorwürfen verurteilten Häftlingen exekutiert worden. Die meisten von ihnen waren sunnitische Extremisten, einige - wie Al-Nimr - gehörten jedoch der schiitischen Minderheit des Landes an.

Nach Hinrichtungen
:Schiiten protestieren gegen Exekutionen in Saudi-Arabien

In mehreren Ländern gehen Muslime gegen die Hinrichtung eines bekannten Geistlichen auf die Straße. Besonders heftig fallen die Proteste in Teheran aus.

Das iranische Außenministerium hatte Saudi-Arabien bereits am Samstag vorgeworfen, "terroristische und extremistische Bewegungen" zu unterstützen und zugleich seine internen Gegner hinzurichten. Das Königreich werde dafür "einen hohen Preis zahlen", drohte Teheran.

Vorwürfe aus Riad

Die saudische Regierung warf Teheran im Gegenzug vor, mit der Verurteilung der Hinrichtungen sein "wahres Gesicht zu entblößen", das sich in der Unterstützung des Terrorismus zeige. Teheran verteidige terroristische Handlungen und unterstütze Verbrechen in der gesamten Region, heißt es in einer über die amtliche Agentur SPA verbreiteten Mitteilung des saudi-arabischen Außenministeriums.

Darin wird Teheran zudem "blindes Sektierertum" vorgeworfen. Iran sei ein Partner von Terroristen "in der gesamten Region", zitiert die Nachrichtenseite Al Jazeera aus dem Statement.

Bereits am Samstag hatte Riad seinem regionalen Rivalen nach den ersten Reaktionen auf die Hinrichtungen einen "aggressiven" Tonfall vorgeworfen und den iranischen Botschafter einbestellt, wie unter anderem die Saudi Gazette meldet.

Sturm auf die saudische Botschaft

In Iran und einigen anderen schiitisch geprägten Regionen führten die Hinrichtungen auch in der Bevölkerung zu heftigen Reaktionen. Am Sonntag lieferten sich Schiiten in Srinagar, einer Stadt in der indischen Kashmir-Region, Straßenschlachten mit der Polizei.

Bereits in der Nacht hatte eine Gruppe von Iranern die saudische Botschaft in Teheran gestürmt. Teile des Gebäudes wurden in Brand gesetzt, Bereiche im Inneren der Botschaft verwüstet. Auch das Konsulat in der iranischen Stadt Maschhad wurde angegriffen. Auch in der schiitischen Pilgerstadt Kerbela im Irak und im mehrheitlich schiitischen Golfstaat Bahrain gab es am Samstag Proteste gegen die Hinrichtung Al-Nimrs.

Die iranischen Behörden nahmen nach eigenen Angaben in Teheran 40 Menschen fest, die in das Gebäude eingedrungen waren, wie die halbstaatliche Nachrichtenagentur Isna unter Berufung auf Staatsanwalt Abbas Dschafari Dowlatabadi meldete. Es werde ermittelt, um weitere Unterstützer der Aktion zu identifizieren.

Das iranische Außenministerium verbot zudem bis auf Weiteres alle Versammlungen vor diplomatischen Vertretungen. Eine für Sonntag geplante Protestdemonstration soll nun an einem anderen Ort in der Hauptstadt Teheran stattfinden.

Kampf um die Vormachtstellung

Der schiitisch geprägte Iran und das sunnitisch-wahabitische Königreich Saudi-Arabien sind seit Jahren im Dauerkonflikt. Beide Staaten konkurrieren um die Vormachtstellung in der Region. Teheran sieht sich zudem als Beschützer der Schiiten in der Region.

In Saudi-Arabien leben bis zu 15 Prozent Schiiten, vor allem im Osten des Landes. Der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zufolge werden sie systematisch vom Staat diskriminiert. Der jetzt hingerichtete Geistliche Al-Nimr war die Leitfigur der schiitischen Proteste während des Arabischen Frühlings 2011 sowohl in Saudi-Arabien als auch in Bahrain.

© SZ.de/AFP/AP/dpa/Reuters - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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