Ex-Generalsekretär führt FDP in NRW-Neuwahl Lindners Rückkehr auf die große Bühne

Christian Lindner bekommt die Chance seines Lebens: Nachdem er im Dezember erst als Generalsekretär zurückgetreten war, wird er jetzt Spitzenkandidat und Landesvorsitzender der FDP in Nordrhein-Westfalen. Rettet er die Liberalen im bevölkerungsreichsten Bundesland über die Fünf-Prozent-Hürde, steht ihm alles offen. Auch der Job von Parteichef Rösler.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Er soll die Rettung bringen. Er soll aus zwei Prozent in den Umfragen mindestens fünf Prozent bei der Landtagswahl in NRW machen: Christian Lindner. Der Mann, der noch vor einem Jahr Bundesvorsitzender hätte werden können. Der Liebling, die Lichtgestalt der liberalen Basis. Er, der lieber Generalsekretär geblieben ist und im Dezember entnervt hinschmiss, weil er mit Parteichef Rösler nicht auf eine Wellenlänge kam.

Christan Lindner kehrt auf die große politische Bühne zurück.

(Foto: REUTERS)

Eine Stunde lassen Landeschef Daniel Bahr, Fraktionschef Gerhard Papke und Christian Lindner den für Donnerstagabend um acht Uhr in das Düsseldorfer NH Hotel geladenen Landesvorstand warten. Gegen neun endlich kommen sie. Bevor Bahr das Wort ergreift, wird peinlich genau darauf geachtet, dass die Türen verschlossen sind. Dann erklärt Bahr noch mal, wie das war mit der Haushaltsabstimmung am Mittwoch, dass es gut gewesen sei, den Entwurf abgelehnt und damit Neuwahlen in Kauf genommen zu haben.

Schnell lässt Bahr aber auch durchblicken: Er selbst wird die Spitzenkandidatur für die Landtagswahl, die wohl im Mai stattfinden finden wird, nicht übernehmen. Den Job bekommt Christian Lindner. So hätten Papke, er und Lindner es zuvor verabredet. Das ist an sich schon Überraschung genug. Doch Bahr hatte noch eine Neuigkeit dabei, die manchem der Landesvorständler schier den Atem verschlägt.

Um die "Wichtigkeit" der NRW-Wahl für die FDP im Land und im Bund zu unterstreichen, aber auch um Lindner den "Rücken zu stärken", verzichte er, Bahr, auf den Landesvorsitz. Den soll Lindner auf einem Sonderparteitag noch vor der Landtagswahl übernehmen.

Lindner an der Spitze bedeutet Hoffnung

Bahr ist fertig. Langanhaltender Applaus brandet auf, berichten Teilnehmer. Vor allem in der Riege der anwesenden Landtagsabgeordneten hellen sich die Mienen auf. Lindner an der Spitze - das bedeutet immerhin: Hoffnung.

Lindner sagt dann auch noch ein paar Worte, spricht von einer "wichtigen und schweren Aufgabe", die ihm da bevorstünde. Einstimmig segnete danach der Landesvorstand den Vorschlag ab.

"Jetzt kommt der Offizier der Reserve aus der Reserve", witzelt nach dem denkwürdigen Abend die Bundestagsabgeordnete und Landesvorständlerin Petra Müller. Dann wird sie schnell ernst: Diese Entscheidung sei "ganz wichtig für die FDP in NRW und im Bund", sagt sie der Süddeutschen Zeitung. Sie sei "ein Signal für die Geschlossenheit der Partei" Und: Die Entscheidung werde der Dramatik der Situation gerecht. "Wir kennen unsere Umfragewerte."

Dass Lindner sich nach seinem Rücktritt im Dezember mit seinen 33 Jahren nicht gänzlich aus der Politik zurückziehen würde, war schnell klar. In der Bundestagsfraktion hat er im Januar bereits den Posten des technologiepolitischen Sprechers übernommen. Kurz darauf kündigte er die Kandidatur für den Vorsitz des FDP-Bezirksverbands Köln an, dem mitgliederstärksten Bezirksverband der FDP überhaupt.

Es schien eigentlich, als wollte Lindner nach seinem Rücktritt jetzt erst mal sein Leben und seine noch junge Ehe mit der Journalistin Dagmar Rosenfeld in Berlin genießen, bevor er sich in ein paar Jahren vielleicht wieder höheren Aufgaben stellt.

Seit 2004 in zeitraubenden Spitzenpositionen unterwegs

Lindner ist zudem seit 2004 in zeitraubenden Spitzenpositionen unterwegs. Erst als Generalsekretär der NRW-FDP und seit Anfang 2010 in gleicher Funktion für die Bundespartei.

Guido Westerwelle hat ihn ins Thomas-Dehler-Haus geholt. Unter Rösler hat er es wieder verlassen. Rösler/Lindner, das war eine Konstellation, die schlicht nicht funktionierte, wie Lindner merken musste. Ihr Verhältnis kann in den letzten Wochen vor seinem Rücktritt nur noch als gestört bezeichnet werden. Beide haben inhaltlich und strategisch nicht zusammengefunden.

Das könnte auch Folgen für Lindners Spitzenkandidatur haben: Vom Bundesvorsitzenden wird er sich wohl kaum in seinen Wahlkampf hineinreden lassen. Bezeichnend, dass Philipp Rösler bei dem Geheimgespräch Bahr/Papke/Lindner offenbar nicht dabei war. Er kam dafür zu spät aus Berlin an.

Jetzt ist die oft umjubelte Lichtgestalt der Liberalen zurück im Spiel. Die Kandidatur steckt voller Chancen für Lindner. Zu verlieren hat er da kaum etwas. Die Partei ist schon im Keller. Noch tiefer geht es kaum. Bringt er aber die FDP über die Fünf-Prozent-Hürde, dann wäre das ein Knaller-Erfolg für ihn. Für ihn ganz alleine. Und das im bevölkerungsreichsten Bundesland.

Wahlen in NRW gelten immer auch als kleine Bundestagswahl. Nicht auszuschließen, dass so ein Erfolg ihn letztlich ganz schnell wieder zurück nach Berlin spült - auf den Posten des Parteichefs womöglich. Motto: Wer in NRW gewinnt, der gewinnt überall.

Auch für Daniel Bahr macht die Personalentscheidung bei näherem Hinsehen Sinn. Er will seinen Posten als Gesundheitsminister sicher nicht mit dem des Chefs einer unbedeutenden Oppositionsfraktion im Düsseldorfer Landtag tauschen. Mit Landespolitik hatte Bahr ohnehin nie etwas am Hut. Lindner dagegen ist länger Landes- als Bundespolitiker.

Bahr ist verdammt gerne Gesundheitsminister

Hinzu kommt: Bahr ist verdammt gerne Gesundheitsminister. Die Neuwahl in NRW kommt ihm persönlich also äußerst ungelegen.

Fraktionschef Gerhard Papke hätte Bahr die Spitzenkandidatur auch nicht einfach überlassen können. Der knorrig wirkende Landespolitiker ist alles andere als ein Sympathieträger. Es hätte so ausgesehen, als wollte sich Bahr vor der Verantwortung drücken. Mit seinem Verzicht auf den Landesvorsitz zugunsten von Lindner aber zeigt er eine Größe, die ihm in der Partei sicher hoch angerechnet wird. Bisher galt die junge Garde der Liberalen auch als ein Klub der Postensammler.

Er werde "nicht um Platz, sondern um Sieg" kämpfen, sagte Lindner noch in seiner kurzen Rede vor dem Landesvorstand. Das allerdings ist eine leichte Untertreibung. Es geht darum, ob die FDP dauerhaft vom Feld gestellt wird. Landet die Partei in NRW auf Platz - sprich einfach irgendwie über der Fünf-Prozent-Hürde - wäre das schon mehr, als manche derzeit zu träumen wagen.