Europäische Union als Friedensnobelpreisträgerin Lohn für vergangene Tage, Mahnung für die Zukunft

Ja, die EU hat Frieden gestiftet. Die Europäer können stolz sein, dafür den Nobelpreis zu erhalten. Aber nicht zu lange. Denn die Gegenwart zeigt: Wenn es darauf ankommt, ziehen die Staaten nicht an einem Strang. Den aufstrebenden Nationen in Lateinamerika, Asien und Afrika liefert Europa gerade ein Beispiel dafür, wie sie es nicht machen sollten.

Ein Kommentar von Thomas Kirchner

Die EU als Friedensnobelpreisträgerin? Dieser zerstrittene Haufen mehr oder weniger bankrotter Staaten, deren größtes gemeinsames Projekt, die Währungsunion, kurz davor steht, in die Luft zu fliegen? Das ist wieder einmal ein starkes Stück des norwegischen Komitees, das aufpassen muss, dass seine Entscheidungen auf Dauer noch ernst genommen werden.

Aber die Nobel-Juroren sind nun einmal chronisch gewillt, sich der herrschenden Meinung zu widersetzen. Auch bei Barack Obama hatte die Welt sich schließlich kopfschüttelnd gefragt, wie genau der Beitrag zum globalen Frieden aussah, den der damals noch neue amerikanische Präsident im Jahr 2009 geleistet hatte. Er hatte manches versprochen. Tatsache ist: In Afghanistan tobt Krieg, das Lager Guantanamo wurde nie geschlossen.

Auf einer zweiten Ebene ergibt die Vergabe an die Europäische Union jedoch einen gewissen Sinn. Dass seit mehr als 60 Jahren Frieden herrscht in Europa, dessen Nationen einander jahrhundertelang in blutigen Kriegen zerfetzt hatten, das hat viel mit dem Einigungswerk zu tun, das Visionäre wie Robert Schuman, Jean Monnet und Konrad Adenauer in Gang gesetzt haben. Mit der bis dahin unerhörten Tatsache, dass sich Staaten freiwillig einer gemeinsamen höheren Autorität unterwerfen.

Europa bemüht sich redlich

Man mag sich nicht ausmalen, wie dieser Kontinent aussähe, wenn Nationen wie Frankreich, Deutschland und Großbritannien mit ihren doch sehr unterschiedlichen Interessen noch immer ungebremst aufeinanderkrachen würden. Das ist ein Friedenswerk, das eine Würdigung verdient hat, auf das die Europäer gern ein paar Tage lang stolz sein dürfen.

Und Europa bemüht sich redlich, diesen Frieden in die Welt zu tragen. Die Akteure in Brüssel werden nicht müde, auf die Trümpfe hinzuweisen, die die EU in globalen Konflikten ausspielen kann: die vielzitierte "soft power", die auf Diplomatie setzt, auf Entwicklungshilfe, Stärkung der Zivilgesellschaft. Die EU wirkt mäßigend im Atomstreit mit Iran, sie engagiert sich zunehmend stärker im israelisch-palästinensischen Konflikt und beim Versuch, die neuen arabischen Demokratien einzubinden; sie hat mehr oder weniger erfolgreiche Missionen auf dem Balkan oder am Horn von Afrika unternommen.

Gewaltige Differenzen

Und doch: Eine tragende Rolle bei der Suche nach Frieden in der Welt spielt die Europäische Union eher nicht, und wie es aussieht, wird es auf absehbare Zeit so bleiben. Denn nicht erst die bitteren Erfahrungen der Euro-Krise haben gezeigt, dass die Europäer, wenn es darauf ankommt, nicht an einem Strang ziehen, dass ihnen das nationale Hemd im Zweifel näher ist als der europäische Rock.

Die grundsätzlichen politischen Differenzen, die jetzt zutage treten und eigentlich immer nur verdeckt waren, sind gewaltig. Sie betreffen die Wirtschaftsphilosophie, die Rolle des Staates, die Zukunft der Wohlfahrt, die Verteidigung. Entlang all dieser Linien tun sich Risse auf. Die Briten halten sich raus, Frankreich will den starken Staat, die Deutschen haben sich verliebt in eine unerreichbare europäische Föderation. Und Südeuropa sieht sich als Opfer des ins Sparen vernarrten Nordens.

Den aufstrebenden Nationen in Lateinamerika, Asien und Afrika liefert Europa gerade ein Beispiel dafür, wie sie es nicht anpacken sollten. So schnell wird sich keine große Region dieser Welt wieder eine gemeinsame Währung antun wollen.