Bewunderung schlägt um in Kritik: Lange haben die Franzosen versucht, Deutschland in der Schuldenkrise nachzuahmen. Jetzt bezichtigen sie Berlin, durch Spardiktate die Euro-Krise zu verschärfen und Europa zu gefährden. Auch vor einer stärkeren Zentralregierung in Brüssel fürchten sie sich - Trost spendet lediglich die Bevölkerungsentwicklung.
Eine Angst geht um in Frankreich. Sie nennt sich Germanophobie. "Ich möchte nicht mit ansehen, dass sich mein Frankreich in ein deutsches Bundesland verwandelt", sagt der gaullistische Abgeordnete Nicolas Dupont-Aignan. Der Wirtschaftsexperte und frühere Präsidentenberater Jacques Attali warnt, Berlin halte mal wieder "die Waffe zum kollektiven Selbstmord des Kontinents in der Hand". Derweil schreibt das Magazin Challenge in großen Lettern auf sein Titelblatt: "L'Europe allemande".
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Angela Merkel sei unflexibel, Nicolas Sarkozy mache Zugständnisse - aus dem französischen Regierungslager kommt deutliche Kritik in Richtung Berlin. (© REUTERS)
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Lange haben die Franzosen mit einer Mischung aus Bewunderung und Nachahmungswillen darauf geschaut, wie gut ihr Nachbar durch die Krise kam. Die deutsche Wirtschaft mit ihren Produkten bekam ein derart positives Image, dass Opel seine Fahrzeuge im französischen Fernsehen mittlerweile in deutscher Sprache anpreist. Sarkozy benutzte das Vorbild der Bundesrepublik geradezu penetrant, um seine Landsleute zu Reformen zu bewegen. "Die Franzosen sind natürlich von all dem fasziniert, was die Deutschen im Lauf der vergangenen Jahre bewerkstelligt haben", erklärt René Lasserre, der Direktor eines Deutschland-Forschungszentrums.
Doch nun scheint die Stimmung zu kippen. Seit einigen Wochen mehren sich die Kommentare von Politikern und Journalisten, die Deutschland vorwerfen, es gängele Frankreich und treibe den ganzen Kontinent mit seinen Inflationsängsten und Spardiktaten in den Untergang. Beklagt wird vor allem, dass sich Berlin weigere, Eurobonds zuzustimmen und die Geldmaschine der Europäischen Zentralbank anzuwerfen. Die - hochverschuldete - Wirtschaftszeitung La Tribune vergleicht Deutschland mit einem Feuerwehrmann, der ein Haus tatenlos niederbrennen lasse, um den Kindern vorzuführen, wie gefährlich es sei, mit Zündhölzern zu spielen. Der Figaro titelt: "Wenn Deutschland mit dem Feuer spielt."
Der Unmut über ein angeblich besserwisserisches und von Inflationsneurosen befallenes Deutschland reicht bis weit ins Regierungslager. Dort heißt es, Präsident Nicolas Sarkozy mache Zugeständnisse, während Angela Merkel unflexibel bleibe. Landwirtschaftsminister Bruno Le Maire - er gilt als Germanophiler im Kabinett - klagt: "Deutschland sendet kein einziges positives Signal aus." Le Monde zitiert ein anderes Kabinettsmitglied mit den Worten: "Die Deutschen dominieren alles."
Natürlich ist das stark übertrieben. Aber es beeinflusst die Stimmung in Frankreich und macht es Sarkozy schwerer, Kompromisse einzugehen. So will eine Mehrheit der Franzosen nichts davon hören, mehr Souveränität an die Organe in Brüssel abzugeben, wie das Deutschland vorschlägt. Der Argwohn ist groß, der größte Mitgliedstaat der EU erlange noch mehr Einfluss, falls künftig der Kommissionspräsident direkt von den Bürgern gewählt werde und bei Wahlen zum Europaparlament das Prinzip "Ein Mann, eine Stimme" gelte. Von solchen Reformen profitiere doch nur das bevölkerungsreiche Deutschland, ist in Paris zu hören.
"Ein bisschen Germanophobie gibt es immer"
Ein bisschen Germanophobie gibt es in Europa immer, damit müssen wir leben", sagt Hans Stark, der Generalsekretär des Studienkomitees für deutsch-französische Beziehungen (Cerfa) in Paris. Das bedeute jedoch nicht, dass Frankreich nun kollektiv der Deutschen-Angst verfalle. Die schrillen Stimmen der vergangenen Tage verfolgten vielmehr auch den Zweck, Druck auf Berlin auszuüben, damit sich Deutschland in den Streitfragen Europäische Zentralbank und Eurobonds bewege. "Dieser Druck ist Teil des Spiels", sagt Stark. Die Bundesregierung könne ihn abmildern, wenn sie besser mit der Kommission und dem Parlament in Brüssel zusammenarbeite. Denn dann ziehe sie zumindest die Europafreunde in Frankreich auf ihre Seite.
"Deutschland bestimmt die Wirtschaftspolitik der verschuldeten Staaten heute mit", sagt der Politikforscher. Insofern sei es zutreffend, wenn die Franzosen von einem "deutschen Europa" sprächen. Dies gelte aber nur für die Wirtschaft. Anderswo dominiere Frankreich, etwa in der Verteidigungspolitik.
Auch Attali hat Trost für jene Franzosen bereit, die sich vor dem "Gespenst des deutschen Europa" (Le Monde) fürchten. Deutschland stehe nicht so gut da, wie es glaube, schreibt der Wirtschaftsexperte. Dann zählt er auf: Die deutschen Schulden seien fast so hoch wie die französischen, etliche deutsche Banken befänden sich in schlechter Lage, und die Bevölkerungsentwicklung sei ohnehin eine Katastrophe. "2060 wird es weniger Deutsche als Franzosen geben", prophezeit Attali. Wenn das kein Trost ist.
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(SZ vom 29.11.2011/mane)
Müll am Fluss
Das ist es doch, lasst uns das billige Geld aufnehmen und es sauteuer an die anderen Staaten verleihen, ganz egal wieviel sie wollen, wir geben immer mehr, damit sie uns diese Zinsen auch bezahlen können. Und wir haben dann soviele Mehreinnahmen, daß wir endlich mal unsere Schulden tilgen können, und der Rest Europas wird dann usner Sklave, endlich haben wirs geschafft !
Ausserdem bricht dann alles sofort auseinander, wenn die leute das bemerken, und das gefällt mir am allermeisten, daß die Währung Euro endlich platzt und alle Staatsschulden auf Null gestellt werden. Und dann können wir anfangen vernünftige Politik zu machen, zB mit einem VERBOT von Schulden.
@nicknoris
Was Sie beschreiben ist eine direkte Folge der Kapitalabflüsse durch die EURO Einführung, durch die D die niedrigste Nettoinvestitionsquote aller OECD Länder auswies (Quelle Eurostat). Die Kapitalabflüsse in die durch Darlehen aufgeblähten Länder der Südschiene waren gigantisch (Quelle IFO). Demagogisch wird permanent das Gegenteil behauptet.
Diese Belastungen mussten genau durch diese Maßnahmen, die Sie nennen, kompensiert werden, bei zu starken Belastungen durch die EURO 'Stabilisierung' drohen weitere Einschnitte. Selbst Roland Berger, der eifrige Agitator für eine einheitliche EU Wirtschaftspolitik schrieb kürzlich, daß der EURO D zwar merklich belaste, aber ein solches politisches Projekt habe eben seinen Preis. Nur wer will es zu welchem Preis?
Momentan profitiert D zum ersten Mal seit Einführung des EURO und schon gibt es Begehrlichkeiten, auch darauf Zugriff zu erlangen, siehe die Forderungen Barosos.
@Leimert
Polen ist mit Abstand der größte Profiteur der EU und hat Spanien und GR weit hinter sich gelassen, siehe hierzu auch der FAZ Artikel vom 25.11.11 http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/polen-jeder-euro-ein-segen-11539806.html
Im Hinblick auf ein vereinigtes Europa, eine gemeinsame Währung, eine gemeinsame Aussenpolitik war die Renationalisierung Deutschlands-eben durch die Fusion von 1990-ein falsches Zeichen.
Hier im Forum und generell wird im Bezug auf Europa viel zuviel über Geld geredet, die politische Dimension bleibt Außen vor, wie natürlich auch historische Gegebenheiten, für welche sich sog. Wirtschaftsexperten ohnehin nicht interessieren.
Fakt ist jedoch, dass, wer Europa wirklich will, Abschied vom Nationalstaat nehmen muss, genau an diesem Punkt scheint die europ. Frage momentan zu scheitern. Ohne ein europäisches Gemeinschaftsgefühl wird dies aber niemals was werden, dieses zu stärken sollte die Hauptaufgabe-fernab von allen monetären Gelüsten-sein u. nicht die Restauration der Nationalstaatsideen des 19 Jhd.
Die Eurozone schaut im Augenblick aus wie das Floß der Medusa des Malers Géricault, keiner kann aussteigen und vermutlich alle damit untergehen, wenn kein Wunder geschieht. Leider war die Erfindung des Euros schlecht durchdacht. Die Zinsdifferenzen zwischen den Nationen sind da wieder angelangt, wie 1993, kurz vor der Erfindung dieser unseligen Währung. Nachdem diese in Kraft trat, lebten alle wunderschön mit den niedrigeren Zinssätzen, wie Grillen in denn Tag hinein, statt für schlechte Zeiten vorzusorgen. Und jetzt sitzen wir alle auf dem besagten Floß und viele Staaten sehen die Rettung in ein deutsches Wunder, was es allerdings in dem erhofften Maße gar nicht geben kann. Ohne Mentalitätsänderung wird das Geschaukel auf diesem Boot nur noch um einige Zeit verlängert, bis der Schiffbruch erfolgt.
Deutschland setzte mit seiner Agenda2010 die Maßstäbe, nach denen die restlichen Euroländer tanzen müssen
- Liberalisierung und Deregulierung des Arbeitsmarktes mit den bekannten Folgen - seit 10 Jahren sinken die Nettolöhne
- Rente ab 67 mit den bekannten Folgen - versteckte weitere Rentenkürzungen
- scharfe finanzielle Einschnitte bei den Langzeitarbeitslosen
- umfassende Streichung bzw. Kürzung aller Reichen-Einkommens- und Vermögenssteuern
Doch wohin führt dieser Wettbewerb schlußendlich, wenn die Euroländer nachziehen?
In Deutschland eine Agenda 2020, mit Rente ab 70, HartzIV nur noch 5 Jahre, weitere Entlastung der Unternehmen und Kapitaleinkünfte?
Das kann es nicht sein.
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