Erster Weltkrieg und Propaganda Der geheuchelte Krieg

"Abschied in Feindesland", heißt der Text zu dieser deutschen Propagandakarte. Mit dem tatsächlichen Kämpfen und Sterben im Ersten Weltkrieg hat diese romantisierte Darstellung nichts zu tun.

(Foto: Oliver Das Gupta/Timeline Images)

Der Erste Weltkrieg war ein großes Abschlachten. Presse und Propaganda hingegen zeichneten ein ritterliches und heroisches Bild - und verlängerten damit die Bereitschaft, Not und Elend zu ertragen.

Von Philipp Obergaßner

"Der Krieg mußte es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche", schrieb Ernst Jünger in seinem autobiografischen Roman "In Stahlgewittern". Als der Krieg im August 1914 ausbrach, war das Kaiserreich im Freudentaumel, zumindest in den Städten. Die Münchner Neuesten Nachrichten schrieben am 3. August: "In allen Bevölkerungsschichten herrscht große Begeisterung. Ungeheure Menschenmassen wälzten sich unter Hochrufen auf den Kaiser und Absingung der Nationalhymne und patriotischer Lieder durch die Straßen." Auch die anderen kriegsführenden Länder erlebten Begeisterungsstürme.

Die vielen Kriegsfreiwilligen - mehr als eine Million in den ersten Mobilmachungswochen - konnten es gar nicht erwarten, an die Front zu kommen und in einem edlen und ritterlichen Kampf dem Feind einen heroischen Sieg abzuringen. Vorbild dafür war immer noch der schnelle Sieg über Frankreich 1870/71.

Zeitschriften wie die Berliner Illustrierte Zeitung erinnerten während des Weltkriegs an die Schlachten gegen Frankreich: In einer Zeichnung beispielsweise stürmen deutsche Soldaten mit gezücktem Säbel einen Hügel bei Wörth - keine Toten, keine Verwundeten, nicht einmal der Feind ist sichtbar, nur preußische Heroen.

Mit Hurra ins große Gemetzel

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Nur wenige hatten vor Kriegsausbruch eine Vorstellung davon, wie ein Krieg mit Massenvernichtungswaffen wie Maschinengewehren, Granaten und schwerer Artillerie aussehen würde. Die Träume der Soldaten vom heroischen Krieg platzten spätestens an der Front, als die Heere sich im November 1914 eingruben und im Stellungskrieg verharrten.

Ein deutscher Infanterist in Verdun schrieb in einem Brief:

"In der Stellung angekommen legten wir uns todmüde in Gra­natlöcher - von Schützengräben oder gar Unterständen keine Rede; das Gebiet war ja erst vor zwei Tagen erstürmt, dort lagen wir vier Tage lang zuerst ganz naß und 1/2 Meter tief im Dreck - ein Trommelfeuer ging auf uns los, dass es einem von einem Loch ins andere riß; die Schmer­zensrufe und das Gestöhne der Verwundeten die elend zu Grunde gehen müssen; Tag und Nacht Granatfeuer - oft daß es in der Sekunde 10 bis 20 Geschosse heranhagelte, uns verschüttete und wieder auf­grub. Unser Leutnant hat geweint wie ein Kind; ja wie sie da lagen, ein Fuß weg - Arme weg, ganz zerfetzt. Gott, das war furchtbar."

In der Presse tobte der Kampf um die Herzen und Gedanken der Bevölkerung. Überstürzt richteten die kriegführenden Länder Propaganda- und Zensurstellen ein, in Frankreich das zentrale "Maison de la Presse". In England das "Ministry of Information", in Deutschland war zu Beginn die Nachrichten- und Spionageabteilung des Generalstabs in Berlin für Pressepolitik zuständig.

Vom Fliegen und Fallen

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Mit Armeezeitungen, Feldkinos, Theater und Propagandabroschüren sollten die deutschen Soldaten bei Laune und auf Linie gehalten werden. Die Zivilbevölkerung erhielt Kriegszeitungen zusammen mit Lebensmittelmarken und Broschüren mit Auflagen von bis zu elf Millionen Stück. Themen waren "Auf zum Endkampf" oder "Was der Feind will". Der erste totale Krieg war gleichzeitig der erste Krieg, der auch mit den Mitteln der modernen Massenmedien ausgefochten wurde.

Der "Burgfrieden" im Reich mahnte zu Einigkeit und Geschlossenheit. Willfährige Soldaten, die sich von der Heeresleitung einspannen ließen, um zu Hause den Frontalltag zu verklären, bekamen dafür als Belohnung mehr Heimaturlaub.

Erich Ludendorff, ab August 1916 Erster Generalquartiermeister und der eigentliche Kopf der dritten Obersten Heeresleitung, schrieb später in seinen Memoiren: "Seelische Geschlossenheit des Volkes ist die Grundlage des totalen Krieges."

Allgemeine Kriegsbegeisterung ist eine Mär

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Was die Kriegspropaganda anging, war Deutschland in der Defensive: Britische und französische Karikaturen stellten ihre Hauptgegner als Barbaren dar, die Tod und Verwüstung bringen - ein berechtigter Vorwurf in Anbetracht der Greueltaten der deutschen Armee im neutralen Belgien. Beispielsweise brannten deutsche Soldaten die Stadt Löwen nieder, inklusive Bibliothek, das "Oxford Belgiens", wie es in der englischen Presse hieß.

Ein Schweizer Karikaturist zeichnete Kaiser Wilhelm II. als Schlächter, mit blutiger Schürze und großem Hackebeil. So war die deutsche Propaganda stets bemüht, die Vorwürfe der Alliierten zu entkräften - mit mäßigem Erfolg.

Russisch, englisch, türkisch sind alle meine Kleider

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Die beiden Blöcke kämpften auch mit verschiedenen Waffen: Französische und vor allem englische Propaganda hatten demokratische Streitkultur im Hintergrund, Hass- und Greuelpropaganda und die Dämonisierung des Feindes dominierten. Die Deutschen waren, zumindest bis ins Jahr 1917, da zurückhaltender.

Nach dem alten preußischen Motto "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht" argumentierte man bieder und oberlehrerhaft. Frankreich galt als ritterlicher Gegner. Nur der Hauptfeind England wurde verunglimpft als feister "John Bull", als machtgieriger Plutokrat, der für Geld alles zu opfern bereit ist.