Mord an Kremlkritiker Nemzow "Die politische Elite wird vernichtet"

"Er wusste viel und er hat die Dinge beim Namen genannt." Menschen trauern in Moskau an der Stelle, an der Boris Nemzow erschossen wurde, um den russischen Oppositionspolitiker.

(Foto: Reuters)

Immer neue Blumen häufen die Menschen an der Stelle in Moskau auf, an der in der Nacht auf Samstag Boris Nemzow erschossen wurde. Der Schock sitzt tief bei jenen, die in dem russischen Oppositionspolitiker den mutigen Verfechter einer friedlichen Politik erkannten.

Von Julian Hans, Moskau

Noch in der Nacht hat die Polizei das Blut von Boris Nemzow mit Hochdruckreinigern vom Asphalt waschen lassen. Die Ermittler haben den Tatort abgesperrt, Fotos gemacht, sechs Patronenhülsen eingesammelt, den Körper von Boris Nemzow in einen schwarzen Plastiksack gepackt und in die Autopsie gefahren.

Vier Projektile haben den Politiker getroffen, abgefeuert aus einem weißen Wagen, der sich dem Opfer auf der Großen Moskwa-Brücke von hinten genähert hatte.

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Nasser Nebel liegt über Moskau, die Pflastersteine auf dem Roten Platz glänzen, die Eisbahn vor dem Kaufhaus Gum wird mit Dixieland beschallt, eine Gruppe japanischer Touristen sammelt sich. Keine fünf Gehminuten entfernt sind gestern kurz vor Mitternacht die tödlichen Schüsse gefallen.

Mit einer Freundin kam Nemzow nach dem Abendessen aus dem Gum, sie müssen diesen Weg genommen haben, vorbei an der farbenprächtigen Basilius-Kathedrale, die breite Straße hinab, auf der bei der Siegesfeier am 9. Mai die Panzer davon rollen auf die Brücke. Auf vier Spuren rollt dort der Verkehr Tag und Nacht.

Jetzt drängen sich auf dem Bürgersteig die Menschen, die Blumen niederlegen wollen an der Stelle, an der ein Mann seinen letzten Atemzug getan hat, der Russland über mehr als zwei Jahrzehnte als Politiker begleitet und geprägt hat.

Ein Blumenhügel, höher als das Geländer der Brücke

Als junger Gouverneur der Region Nischnij Nowgorod, als Energieminister, als stellvertretender Regierungschef. Eine Zeit lang galt er gar als Kronprinz Boris Jelzins. Aber dann bestieg ein anderer den Thron, und Nemzow wurde eine der schärfsten Gegner von Wladimir Putin.

Fünf Meter vom Rand der Fahrbahn entfernt, von der aus der Täter feuerte, türmen sich schon zur Mittagszeit die Blumen höher als das Geländer der Brücke. Trauernde haben Heiligenbilder auf den Blumenhügel gestellt, jemand hat die Verfassung der Russischen Föderation dazu gelegt. Sie wird irgendwann unter immer neuen Blumengebinden begraben.

"Lasst bitte die Menschen mit den Blumen durch", ruft immer wieder ein alter Mann, der die Aufgabe übernommen hat, etwas Ordnung in das Gedränge zu bringen. Und, bitte, das Bild von Boris nicht bedecken! Es zeigt den 55-Jährigen, die grau melierten Locken nach hinten gebürstet, mit scharfem Blick über den Rand seiner schmalen Brille.

"Die Situation im Land stets richtig eingeschätzt"

Frauen mit Kinderwägen sind unter Trauernden, aber auch viele ältere. "Er wird uns sehr fehlen", sagt Larisa Kirilowna, eine Pensionärin. Sie hat ein Bild Nemzows an ihre rosafarbene Daunenjacke geheftet. "Er wusste viel und er hat die Dinge beim Namen genannt". Solche Menschen seien etwas besonderes, die müsse man bewahren. "Ich gehe auf alle Demonstrationen", sagt die 72-Jährige. Auch am Sonntag beim Trauermarsch für Nemzow werde sie dabei sein. "Aber was jetzt werden soll, das kann ich noch nicht sagen".

Nemzow sei ihm 1994 zum ersten Mal aufgefallen, sagt Jurij Spirin, ein Mann mit Schirmmütze und weißem Bart. "Damals sagte er, dass es ein großer Fehler von Jelzin war, den Krieg in Tschetschenien zu beginnen." Er habe die Situation im Land stets richtig eingeschätzt. Sein Tod sei ein großer Verlust. "Die politische Elite wird vernichtet. Stattdessen tauchen immer mehr graue Menschen auf, die bereit sind, auf Versammlungen zu schreien. Es wird wieder von der fünften Kolonne geredet, von Feinden im eigenen Land".