Erdoğan-Kritiker Gülen verurteilt "Hexenjagd" in der Türkei

Erdoğan-Kritiker Gülen in seinem amerikanischen Exil in Saylorsburg, Pennsylvania.

(Foto: AFP)
  • Der im US-Exil lebende islamische Prediger Fethullah Gülen bezeichnet das Vorgehen der türkischen Behörden gegen Andersdenkende als "Hexenjagd".
  • Gülens "Hizmet"-Bewegung kämpfte früher vor allem gegen die Macht des Militärs in der Türkei, mittlerweile wende sich das Engagement gegen die von Präsident Recep Tayyip Erdoğan gegründete Regierungspartei AKP.
  • Unter der Herrschaft von Erdoğan sei das Land zu einem "Parteienstaat und eigentlich sogar Ein-Mann-Staat" geworden, kritisiert Gülen im Interview mit der Süddeutschen Zeitung.
Von Christiane Schlötzer

Ein Jahr nach Korruptionsvorwürfen gegen seine engsten Vertrauten sitzt Recep Tayyip Erdoğan, der starke Mann der Türkei, fester im Sattel denn je. Erdoğan, seit gut 100 Tagen Staatspräsident, residiert in einem neuen Riesenpalast, lässt Polizeigesetze verschärfen und regierungskritische Journalisten anklagen.

Am 17. Dezember vor einem Jahr waren Ministersöhne, ein Staatsbankchef und rund 50 Politiker und Unternehmer mit besten Beziehungen zur regierenden AKP festgenommen worden. Es ging um Millionen an Schwarzgeld in Schuhschachteln, Bauspekulation in Istanbul, illegale Goldgeschäfte mit Iran.

Fethulla Gülen im Wortlaut

Das vollständige Interview lesen Sie in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung oder in der digitalen Ausgabe auf dem Smartphone oder Tablet.

Die Vorwürfe bezeichnet Erdoğan bis heute als Komplott, als "zivilen Coup". Und wer dahintersteckt, ist für ihn klar: ein ehemaliger Weggefährte, der Prediger Fethullah Gülen. Ihn hat Erdoğan zum Staatsfeind Nummer eins erklärt.

Die Türkei erlebe eine Polarisierung

Gülen wehrt sich nun. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung wirft der 76-Jährige Erdoğan vor, die Türkei in einen "Ein-Mann-Staat" zu verwandeln. "Nachdem das Land vom Joch des Militärs befreit war", habe die AKP "das Joch einer Partei" errichtet, kritisiert Gülen von seinem Exil im US-Bundesstaat Pennsylvania aus. Die Türkei erlebe eine "Polarisierung" im Inneren, im Ausland verliere sie jeden Tag an Ansehen und werde einsamer. "Der Zustand, in den mein Land versinkt, macht mich traurig", so Gülen.

Der Islamgelehrte hat in der Türkei eine beträchtliche, konservative Anhängerschaft. Auch unter Türken in der Diaspora gibt es Millionen Gülen-Fans, die mithalfen Schulen und private Universitäten in 163 Ländern zu errichten. Dies gilt auch für Deutschland. In den USA, wo Gülen seit 1999 im Exil lebt, ist die Bewegung in mehr als 20 Städten mit Kulturzentren präsent. Vor dem Zerwürfnis mit Erdoğan fungierten diese quasi wie diplomatische Vertretungen der Türkei.

Erdoğan hat von US-Präsident Barack Obama die Auslieferung Gülens an die Türkei verlangt. Dazu sagt Gülen in dem SZ-Interview: "Die USA sind ein demokratischer Rechtsstaat. Hier ist kein Platz für Willkür." Mit der Auslieferungsforderung "ohne gesetzliche Grundlage" ruiniere die Türkei nur ihren internationalen Ruf.

Auch die EU und die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch äußerten sich zuletzt besorgt über den innenpolitischen Kurs der Türkei. Sie nannten es bedenklich, dass Polizei und Geheimdienste mit immer größeren Vollmachten ausgestattet würden. Kritisiert wird, dass künftig Wohnungen ohne richterliche Anordnung durchsucht werden könnten und bei Protesten "vorsorgliche Festnahmen" möglich seien. Die Regierung sagt, die Änderungen entsprächen Gesetzen innerhalb der EU. Zunehmenden Druck auf die Medien beklagte auch der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk. Der Zeitung Hürriyet sagte Pamuk: "Das Schlimmste ist die Angst. Ich sehe, dass alle Angst haben, das ist nicht normal."