Einmarsch der Wehrmacht in Ungarn 1944 Fast wie Kameraden

Deutscher Panzer 1944 in einer Stadt im Osten Ungarns

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Kamen Wehrmacht und SS vor 70 Jahren als Feinde? Ungarn streitet über seine Geschichtspolitik. Es geht um die Judenvernichtung und um ein umstrittenes Denkmal, das die rechte Regierung von Premier Viktor Orbán errichten will.

Von Cathrin Kahlweit, Wien

Zum 60. Jahrestag des ungarischen Holocausts vor zehn Jahren erzählte Bálint Magyar öffentlich, wie ein Teil seiner Familie mit viel Glück überlebte, während etwa eine halbe Million ungarische Juden umkamen. Er sprach aber auch darüber, wie ungarische Häscher und Helfer 1944 das von den Nazis geforderte Soll übererfüllten und so viele Juden in die Vernichtung schickten, dass man in den Konzentrationslagern der Deutschen mit dem Morden kaum nachkam.

Der damalige Bildungsminister sagte, was Historiker und Interessierte wussten - und doch rührte er an ein Tabu. Denn er sprach über: die historische Verantwortung seiner Nation.

Tatsächlich, räumte Magyar ein, seien neunzig Prozent der Opfer des ungarischen Holocaust von deutschen Nazis getötet worden. Aber: "Ein beträchtlicher Teil der Verbrechen ist von Ungarn gegen Ungarn begangen worden." Magyar, Minister in zwei sozialistisch geführten Regierungen und scharfer Gegner von Premier Viktor Orbán, ist Nachfahre von Juden und Christen. Er selbst sei jedoch ein Ungläubiger - und in seiner "Ganzheit Ungar".

Ein neues Denkmal, das für viele Geschlichtsklitterung darstellt

Das Bekenntnis zu Ungarn jenseits ideologischer Gräben ist indessen eine Seltenheit geworden. Das zeigt auch die bittere Debatte über die Rolle des Landes in der NS-Zeit, die heute, unter der nationalkonservativen Regierung, mit Vehemenz wieder aufgebrochen ist. Grund ist die Geschichtspolitik der Rechten, die ihre Nation in die Tradition Großungarns vor dem Gebiets- und Machtverlust durch den Trianon-Vertrag 1920 stellen.

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Die neue Verfassung negiert zudem eine Rechtskontinuität der Republik für den Zeitraum zwischen dem Einmarsch deutscher Truppen am 19. März 1944 und Mai 1990, als die erste frei gewählte Regierung nach der politischen Wende ins Amt kam.

Konkreter Anlass für den bitteren Streit, der längst nicht mehr nur unter Historikern, sondern auch zwischen den Parteien und in den Medien ausgetragen wird, ist allerdings ein Denkmal. Es soll am 19. März, dem 70. Jahrestag des deutschen Einmarsches, auf dem Freiheitsplatz in der Hauptstadt aufgestellt werden.

So hatte es die Regierung vor Beginn des ungarischen Holocaust-Gedenkjahrs 2014 am letzten Tag des alten Jahres verkündet - und den Bürgermeister des Budapester Stadtbezirks, Antal Rogán, der gleichzeitig hochrangiger Fidesz-Politiker ist, angewiesen, die nötigen Genehmigungen schnell zu erteilen. Das Denkmal, so Rogán, sei ein Tribut an "alle Opfer der Nazi-Besatzung".

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Der Protest gegen den Plan ist so laut wie breit: Sozialisten, jüdische Organisationen, Roma bezeichnen die Idee als Geschichtsklitterung. Schließlich sei Ungarn ein Alliierter der Nazis gewesen und die Besetzung des Landes mithin gar keine Besetzung. Es habe keinen namhaften Widerstand gegeben, und die Ghettoisierung sowie Deportation der Juden hätten im wesentlichen ungarische Handlanger der Nazis unter Reichsverweser Miklós Horthy, nach dessen Absetzung dann die Schergen der faschistischen Pfeilkreuzler, umstandslos ausgeführt.