Ehemaliger Mossad-Chef Den Premier als Feind

Der ehemalige Mossad-Chef Meir Dagan. Weggefährte Ariel Sharon bescheinigte ihm die Spezialität "den Kopf eines Arabers von dessen Körper abzutrennen."

(Foto: Ahmad Gharabli/AFP)

Meir Dagan ist in Israel als verwegener Soldat und risikofreudiger Mossad-Chef bekannt. Als Rentner knöpft er sich nun öffentlich den Premierminister vor. Kurz vor der Parlamentswahl ist das für Netanjahu hochgefährlich.

Von Peter Münch

Er hat schon so viele erledigt - vom Schreibtisch aus, mit dem Gewehr, und womöglich sogar mit bloßen Händen, wie es in vielen der ihn umrankenden Legenden heißt. Von Gaza bis zum Libanon, von Teheran bis nach Damaskus wird Meir Dagan von seinen Feinden gefürchtet. Seine Spezialität sei es, "den Kopf eines Arabers von dessen Körper abzutrennen", bekannte einst der treue Freund und Weggefährte Ariel Scharon. Kein Zweifel also: Benjamin Netanjahu sollte gewarnt sein.

Dagan, 70, der erst als verwegener Soldat und dann als risikofreudiger Mossad-Chef sein Leben fast fünf Jahrzehnte lang der Verteidigung Israels gewidmet hat, knöpft sich nun als Rentner den eigenen Premier vor. Die Waffe der Wahl ist dabei das Wort: Als Star-Redner ist Dagan am Wochenende in Tel Aviv bei einem Massenprotest gegen die Regierung aufgetreten, und kurz vor der Parlamentswahl am 17. März ist das für Netanjahu hochgefährlich. Denn erstens kann er Dagan nicht als einen jener linken Friedensfreunde abtun, die sonst den Mond über seiner Residenz anbellen. Und zweitens weiß der alte Kämpfer sehr genau, wie man einen Treffer setzt. "Netanjahu hat als Führer versagt", sagt Dagan. "Er ist seit sechs Jahren an der Macht, und es gibt keine Sicherheit, keinen Frieden und keine Hoffnung."

Es war Netanjahu, der Dagan seine Entlassungsurkunde überreichte

Das sitzt, und natürlich gehen Netanjahus Bataillone gleich zum Gegenangriff über. Dagan sei von Enttäuschung getrieben und verfolge überdies eigene politische Ambitionen, heißt es aus dem Regierungslager. Letzteres weist Dagan kategorisch und ziemlich glaubhaft zurück. Schließlich hat er nicht nur vor zweieinhalb Jahren erst eine Lebertransplantation überstanden, sondern ist auch nie in einer anderen Partei als in Netanjahus Likud gewesen. Doch dass er mit dem Premier noch eine Rechnung offen hat, wird auch er kaum bestreiten können.

Es war nämlich Netanjahu, der ihm Anfang 2011 nach mehr als acht Jahren an der Mossad-Spitze die Entlassungsurkunde aushändigte - und schon kurz danach begann Dagan, ihm öffentlich in die Parade zu fahren. Ein Angriff auf die iranischen Atomanlagen sei der "dümmste Einfall", von dem er je gehört habe, erklärte er damals. Doch diese Warnung, die von vielen Protagonisten der israelischen Sicherheitskräfte geteilt wird, ist wohl weniger der Rachsucht geschuldet als vielmehr der ernsten Sorge um Israels Zukunft.

Dagan kam als Fünfjähriger mit seinen Eltern aus der Sowjetunion nach Israel. Als Sohn von Überlebenden der Schoah hält er Netanjahus ständige Beschwörung eines drohenden "nuklearen Holocaust" für Alarmismus, wenn nicht gar für Propaganda. Deshalb sucht der einst furchtlose Held der Heimlichkeit jetzt die Öffentlichkeit, deshalb hat er auf der Bühne am Rabin-Platz am Rednerpult gestanden. "Israel ist von Feinden umringt, aber ich habe keine Angst vor unseren Feinden", verkündet Dagan. "Ich habe Angst vor unserer eigenen Führung."