Diskussionsrunde der SPD über Sexismus Von Männerdurst und Mädchenbier

Der Aufschrei soll zum Aufbruch werden: Die SPD übt sich in sozialer Bürgernähe und versucht, aus der Sexismus-Debatte zu lernen. Dafür lädt sie Männer und Frauen in eine Diskussionsrunde, über klare Regeln und Konsequenzen sollen sie sprechen. Doch von Aufbruch ist nicht viel zu spüren.

Von Nakissa Salavati

Herrenwitze sind derbe, anzügliche Späßchen, die manche Männer gerne in geschlossener Runde erzählen. Offen an die Frau gerichtet, kann ein Herrenwitz beleidigen, belästigen, ja sexistisch sein. Dass der Herrenwitz derzeit wieder ein Thema ist in Deutschland, ist einem Mann zu verdanken. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle wollte angeblich einer jungen Journalistin gegenüber lustig sein. Abends, an einer Bar.

Damit der Aufschrei, der darauf folgte, nicht spurlos als mediale Debatte vorüberzieht, versucht nun die SPD-Bundestagsfraktion, das Thema für sich zu nutzen: "Was heißt hier eigentlich Herrenwitz...?" nennt sie die bereits zweite Berliner Gesprächsrunde zu Sexismus, die sie live ins Internet überträgt. Ging es in der ersten noch um die Frage, ob unsere Gesellschaft sexistisch ist, sollte diese nun klären, was die Politik daraus lernen kann. Welche Möglichkeiten gibt es, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu verhindern? Was hat das Ganze mit der Frauenquote zu tun?

Die Botschaft der SPD ist klar: Wir gehen in die Offensive, wir sind die Partei, die sich um die Belange der Betroffenen kümmert. Die Partei, die etwas ändert. Der Aufschrei soll zum Aufbruch werden. Dafür übt sie sich in absoluter Transparenz, die Diskussionsrunde soll die Zuschauer einbinden - und die "Tausenden da draußen" vor dem Livestream. "Twittern ist erlaubt!", strahlt die Moderatorin Tanja Samrotzki in die Kamera. So reflektiert dann aber in der Gesprächsrunde diskutiert wird - die Debatte bleibt da, wo sie ist: in einem kleinen gesellschaftlichen Kreis.

Denn wenn Julia Borggräfe, erfolgreiche Unternehmensberaterin und junge Mutter, von der "Macht des Faktischen", von "systemisch" und "strukturell" spricht, dann bauen sich diese Worte zu einer Wand auf, gegen die wohl alle rennen, die nicht Soziologie studiert haben. Die Diskussion verläuft sich oft im Grundsätzlichen: Sexismus beginne schon im Kleinen, sagt Dag Schölper, der sich für die Interessen von Männern, Vätern und Jungen einsetzt. "Ich denke da an die Werbung der Biermarke Beck's, die ewig mit dem Spruch 'Beck's löscht Männerdurst' geworben hat." Mischgetränke wiederum hießen dann "Mädchenbier". So eindrücklich sein Beispiel, so abstrakt wird dann aber seine Argumentation, wenn es darum geht, diese Rollenbilder aufzubrechen. Dann spricht Schölper von Atomisierung und Individualisierung.

Einfach, aber konkret formuliert es Thomas Sattelberger. In der Personalabteilung der Telekom führte er die Frauenquote ein. "Wir, die Verantwortung haben, müssen etwas verändern. Es muss in Unternehmen über die Fälle von sexueller Belästigung gesprochen werden, die Beteiligten müssen adressiert werden", sagt Sattelberger. Ähnlich sieht es die 28-jährige Yasmina Banaszczuk, in netzfeministischen Kreisen für ihren kritischen Blog Frau Dingens bekannt: "Wo sind die Leute, die Macht haben, die etwas ändern können? Wo ist Peer Steinbrück in unserer Diskussion? Sonst reden wir hier noch in vierzig Jahren".

Es sei doch skandalös, dass ein Schokoriegel für Jungen mit Abenteuerlust, für Mädchen aber mit Glitzer beworben würde, sagt Banaszczuk, so etwas könnte man doch verbieten. Im Werberat müssten mehr Frauen sitzen, die möglicherweise einen anderen Blick hineinbringen, stimmt Gastgeberin und SPD-Abgeordnete Caren Marks zu. Wer Macht in Medien, Unternehmen oder der Politik hat, bestimmt - und dass diese notfalls mit Regeln gebrochen werden muss, darüber sind sich alle Gesprächsteilnehmer einig.

"In meinem Bekanntenkreis wurde die Twitter-Debatte #Aufschrei nicht wahrgenommen. Es gibt Millionen, die sich nicht damit beschäftigen", bilanziert dann Sattelberger und fordert: "Diese Opportunität muss mit dem Thema Quote gepackt werden, ein griffiger Hebel". Und so ist es die Frauenquote, die es als eine der wenigen konkreten Vorschläge aus der Diskussionsrunde heraus schafft aus dem kleinen Kreis.