Die Grünen im Umfragehoch Grün ist bequem

Sie waren schon so oft tot gesagt. Doch jetzt feiern die Grünen Umfragewerte, die so hochprozentig sind, wie es früher nur die Besäufnisse in ihren Wohngemeinschaften waren. Sie sind zu einer kleinen Volkspartei geworden - genau darin liegt auch ihre Schwäche.

Ein Kommentar von Nico Fried

Die Grünen dürfte es längst nicht mehr geben. Sie waren am Ende, als sie 1990 für vier Jahre aus dem Bundestag verschwanden. Sie begingen Selbstmord, als sie fünf Mark fürs Benzin wollten. Sie waren zweimal erledigt, als sie an der Seite von Gerhard Schröder in den Krieg zogen, erst in den Kosovo, dann nach Afghanistan. Sie hatten keine Zukunft mehr, als Joschka Fischer sich ins Privatleben verabschiedete.

Die Grünen waren so oft totgesagt und sind wieder aufgestanden, wie es selbst Lazarus nur auf einem Trampolin geschafft hätte.

Heute können die Grünen auf jüngste Rekordergebnisse im Bund und in Nordrhein-Westfalen verweisen. Ihre Umfragewerte sind so hochprozentig, wie es früher nur die Besäufnisse in ihren Wohngemeinschaften waren. Die schwarz-gelbe Regierung hat ihnen mit der Atomkraft ein Mobilisierungsthema geschenkt, wie die Demonstration am Samstag in Berlin zeigen wird. Und vor den Grünen stehen die Wahlen in Berlin und Baden-Württemberg, über die der Vorsitzende Cem Özdemir sagt, dass seine Partei jeweils den Regierungschef stellen wolle, wenn sie stärker als der Koalitionspartner sei.

Früher hätte man da an den Witz über die Ameise im Nacken eines Elefanten gedacht, die von ihren Gefährten angefeuert wird: "Würg ihn, Egon!" Mittlerweile aber behandelt die Kanzlerin höchstselbst die Grünen - wie jüngst in der Haushaltsdebatte - als eine der SPD gleichrangige Konkurrenz.

Mitten im Lamento über den Verschleiß der Volksparteien CDU, CSU und SPD spekuliert die Talkshow-Politologie schon über den Aufstieg einer neuen Volkspartei. Dieser Eindruck wird sich schnell relativieren, je häufiger sich die Grünen wieder in einer Regierung finden. Gleichwohl sind sie einstweilen von den drei sogenannten kleinen Parteien diejenige mit dem größten Potential. Die Linke lebt von der Schwäche der SPD, so wie die FDP bei der Bundestagswahl von Leihstimmen der Union profitierte. Die Grünen aber sind die einzige kleinere Partei der Mitte. Sie knabbern auf den Wahl-Diagrammen fast jedes andere Tortenstück an. Das ist ihre Stärke. Darin steckt aber auch eine Schwäche.

Ihr bürgerliches Milieu

Zuerst die Stärke: Gesellschaftlich entstammen viele Grüne einem bürgerlichen Milieu. Die Heimkehr der verlorenen Kinder schien sich über kurz oder lang in schwarz-grünen Koalitionen zu manifestieren, zumal unter Angela Merkel, deren Verständnis vom Staat viel näher bei den Grünen liegt als bei der FDP. Nun dürfte die Atompolitik diese Annäherung spürbar verlangsamen, zugleich ist es plötzlich sogar die bürgerliche Elterngeneration, die sich auch und gerade in Abgrenzung von der CDU der Protestkultur der Grünen anschließt, wie der Fall "Stuttgart 21" zeigt.

Politisch galten die Grünen früher als Fleisch vom Fleische der SPD. Dann hat der kleine Koalitionspartner aus der Schröder-Zeit nach dem Ende der Regierung manches korrigiert, manches kassiert und manches schlicht verraten, was man als selbsternannter Reformmotor betrieben hatte. Gleichwohl ist es den Grünen gelungen, immer den Eindruck steter Modernisierung zu erwecken - anders als die SPD, die nur zurückkehren möchte zur Siebziger-Jahre-Wohligkeit an der Seite der Gewerkschaften. In Berlin setzt sich der Regierende Bürgermeister für die Abschaffung der Rente mit 67 in 20 Jahren ein - und verfehlt damit das Lebensgefühl einer Stadt, die doch wie keine andere im Hier und Jetzt vibriert.

Die Anti-Parteien-Partei

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