Designierter italienischer Regierungschef Wer ist Giuseppe Conte?

Giuseppe Conte, Universitätsprofessor und Rechtsanwalt, hatte bisher kein politisches Amt inne.

(Foto: dpa)

Der Rechtsprofessor mit der zwölf Seiten langen Vita könnte Italiens nächster Premierminister werden. Wenn denn sein imposanter Lebenslauf hält, was er verspricht.

Von Oliver Meiler, Rom

Bis vor wenigen Tagen war Giuseppe Conte noch ein "Signor Nessuno". So nennen die Italiener Herrschaften, die niemand kennt und die deshalb auch niemand sein können. Um so steiler ist der Aufstieg Contes, der nun Italiens nächster Premierminister werden könnte. Aus dem Nichts gewissermaßen.

Die beiden populistischen Parteien Cinque Stelle und Lega haben den 53-jährigen Rechtsprofessor und Anwalt aus dem süditalienischen Apulien dem Staatspräsidenten vorgeschlagen. Als Synthese ihrer schwer vereinbaren Linien, oder eben als vorgeschobene Marionette. Sergio Mattarella muss nun entscheiden, ob er Conte einen Regierungsauftrag erteilt. Es heißt, er habe noch Zweifel, er kenne dessen Namen ja auch erst seit ein paar Tagen. Das ist schon alles sehr einzigartig, selbst für die Standards der barocken italienischen Politik.

Contes Lebenslauf ist zwölf Seiten lang

Die Medien entsenden ihre Reporter an die Universität von Florenz, wo Conte Zivilrecht unterrichtet, damit die den Studenten nachsetzen: "Wie ist er denn so, der Prof?" Auf banale Fragen gibt es meist banale Antworten. An der Piazza Cairoli in Rom, wo Conte eine Anwaltskanzlei für Gesellschafts- und Konkursrecht leitet, stehen sich Kameraleute auf den Füßen herum. Doch Conte zeigt sich nicht, er beantwortet keine Anrufe, er harrt wohl einfach der Einladung aus dem Quirinalspalast. Die Familie soll schon angereist sein für die Vereidigung. Jeder Fauxpas könnte jetzt fatal sein, etwa ein allzu üppig ausgeschmückter Lebenslauf.

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Contes Vita ist sehr lang, zwölf Seiten insgesamt. Sie strotzt nur so vor akademischer Exzellenz, vor Auszeichnungen, Publikationen, Mitgliedschaften in Vereinigungen. Von 2008 bis 2012 zum Beispiel, liest man da, verbrachte er "jeden Sommer" und "nie weniger als einen Monat lang" an der New York University, um seine Studien zu perfektionieren. Eine löbliche Initiative natürlich - aber ist das auch wahr? Die New York Times hat bei der Universität nachgefragt, und offenbar war Conte weder Student noch Fakultätsmitglied, er hatte lediglich Zugang zur Bibliothek. Vielleicht ist es ein dummes Versehen. Die Geschichte nährt jedoch das große Mysterium um "Signor Nessuno".

Studiert hat Conte in Rom, so viel ist sicher. Da er aus bescheidenen Verhältnissen stammt und sich anstrengte, gab ihm der Vatikan ein Stipendium für brillante Studenten. Aus dieser Zeit rührt auch sein guter Draht zur Kirchenhierarchie. Politisch soll Conte progressiv und europafreundlich sein, was doch stark kollidiert mit dem Image der rechten und europakritischen Koalition, der er als Premier vorstehen würde. In einem seltenen Interview sagte er unlängst: "Mein Herz hat früher immer für die Linke geschlagen." Ein Vorbild? "John F. Kennedy."

Das präsentable Gesicht einer unpräsentablen Regierung

Vor vier Jahren dann lernte er die Fünf Sterne kennen und beriet sie fortan in Justizfragen. Beitreten mochte er aber nicht, er stand auch nie auf einer ihrer Wahllisten. Conte ist kein Politiker, er sitzt nicht im Parlament, er gehört einfach zur Entourage. Vor den jüngsten Wahlen stellte ihn die Partei als möglichen Minister für die öffentliche Verwaltung vor.

Er würde die Bürokratie "abholzen", hieß es damals, unnütze Gesetze streichen und die Leistungsgesellschaft fördern. Es gab viel Applaus, das wäre ja auch alles bitter nötig. Von dieser Veranstaltung stammen die Aufnahmen, die ihn mit Luigi Di Maio zeigen, dem jungen Chef der Cinque Stelle. Conte trägt wie immer feinstes Tuch, eine violette Krawatte mit Pünktchen, ein weißes Einstecktuch.

Modisch, finden die Italiener, gibt der designierte Premier daher einiges her. Englisch spricht er auch. Man könnte ihn also mit bestem Gewissen zu internationalen Gipfeln schicken. Conte wäre das präsentable Gesicht einer unpräsentablen Regierung, schreibt eine Zeitung. Vielleicht sichert ihm das den Posten als Premier, so der Rest seines imposanten Lebenslaufs die Nachforschungen denn unbeschadet übersteht.

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