Democracy Lab in Gelsenkirchen Zwischen Schrott und Hoffnung

"Gelsenkirchen ist nicht so schlecht wie sein Ruf": Ein Beispiel ist die sogenannte Solarsiedlung Sonnenhof im Stadtteil Bismarck.

(Foto: imago/Hans Blossey)

Gelsenkirchen ist stark geschrumpft. Ergebnis sind leer stehende Häuser und Schrottimmobilien, das Image ist schlecht. Doch es gibt Menschen, die versuchen, ihre Heimat zu retten.

Von Julia Ley und Thomas Hummel , Gelsenkirchen

Die Robergstraße im Gelsenkirchner Stadtteil Bismarck ist kein Ort für Anzug- und Hemdträger. Das hier ist ein sogenanntes Problemviertel, da fällt die kleine Gruppe in Bürokleidung schon von weitem auf. Sie bleibt vor Hauseingängen stehen, unterhält sich, wundert sich über Autos ohne Nummernschild. Das können nur Leute von einer Behörde sein. Ein älterer Bewohner mit grauem Oberlippenbart und brauner Baseballkappe wird neugierig, er schleicht sich aus seiner Wohnung und von hinten an die Gruppe heran. Er zögert kurz, dann ergreift er die Gelegenheit. "Sind Sie vom Ordnungsamt? Ich muss das wissen", fragt er. Ja, die Leute sind von der Stadt. Da bricht es aus ihm heraus.

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Der Rentner kommt aus der Türkei, er hat früher in der Zeche Consolidation nicht weit von hier gearbeitet. 40 Jahre lang, fünf Kinder hat er hier großgezogen. Zurück kann und will er nicht mehr - aber hier in der Robergstraße wohnen bleiben, das kann und will er bald auch nicht mehr. Jeden zweiten Tag kehre er in der Straße den Müll weg, weil er sich sonst zu einem Berg türme. Im Nachbarhaus würden manchmal 20 Menschen in einer Wohnung schlafen, es sei sehr laut. Dazu der Drogenhandel (Anm.d.Red. Siehe unten). "Wir brauchen wieder Ordnung hier", sagt er. Seine Stimme zittert, es ist ein Bitten und Drängen zugleich. Die Leute von der Stadt nicken, blicken zu Boden, besänftigen ihn. Doch er will sich nicht besänftigen lassen. Es seien so viele Nachbarn weggezogen, inzwischen bitten sich die Leute gegenseitig, hierzubleiben, damit nicht die letzte Hoffnung stirbt. Es fehlt nicht viel und er fängt an zu weinen. Vor Scham, vor Trauer, vor Wut, was aus seinem Viertel geworden ist.

Gelsenkirchen. Die Stadt ist ein Symbol für den Niedergang der Kohle- und Schwerindustrie im Ruhrgebiet. Ein Symbol, wie schwer der sogenannte Strukturwandel zu bewältigen ist. 1960 lebten fast 400 000 Einwohner in der prosperierenden Stadt, sie gehörte zu den wirtschaftlichen Kraftzentren Westdeutschlands, Zehntausende Männer holten aus den Zechen das "schwarze Gold", das Ruhrgebiet war reich. Das Ende der Kohle führte zu Arbeitslosigkeit - und zur Flucht. Heute wohnen nur noch 260 000 Menschen in der Stadt, der Rückgang führt zu einem Überangebot an Wohnraum, viele Häuser stehen leer. Das Wohnen ist deshalb billig in Gelsenkirchen, im Schnitt kostet der Quadratmeter zwischen fünf und sechs Euro Miete, in manchen Ecken weniger. Bei der Stadtplanung heißt es, die Preise wirkten wie ein Magnet. Sie nennen es "Armutsanziehung".

Im Stadtteil Bismarck stehen einige der berüchtigten Schrottimmobilien, äußerlich teilweise ordentliche Häuser, die ihre Eigentümer mehr oder weniger verfallen lassen. In der Straße Ahlmannshof stehen ganze Häuserzeilen leer. Rund um die Problemhäuser haben sich ausgeklügelte Geschäftsmodelle etabliert. Ein Beispiel: Ein Haus wird wegen Finanzproblemen des Eigentümers zwangsversteigert, der Käufer (meist eine GmbH) muss zuerst nur zehn Prozent des Preises hinterlegen und bisweilen nicht einmal das. Danach vermietet er die Wohnungen, manchmal auch nur Zimmer oder gar Matratzen an Immigranten aus Rumänien und Bulgarien, von denen es derzeit 6000 bis 7000 in Gelsenkirchen gibt. Der Vermieter verdient gut, den Kaufpreis für das Haus überweist er nie. Bis die Behörden das merken, vergehen Monate, es kommt wieder zur Zwangsversteigerung, wo nicht selten die gleichen Käufer unter neuem Firmennamen das Haus noch mal ersteigern. Das Spiel beginnt von vorne.

"In Gelsenkirchen sind Gut und Böse manchmal nur ein Spuckweit voneinander entfernt"

Frauen in bunten Röcken, Flipflops und Kopftuch, dazu viele Kinder bestimmen das Bild in den Straßen. Das Schreien von Babys ist aus Fenstern und Hinterhöfen zu hören. Eine Mutter spricht mit vier Kindern und wechselt zwischen Deutsch und Romanes, der Sprache der Roma. Doris Harontzas vom örtlichen Sozialverein Lalok Libre kennt sie fast alle. Das Lalok Libre bietet Kindern freies Mittagessen, bis zu 20 laufen hinüber in die Dresdener Straße und schreien erst einmal: "Hunger!". Es folgt Hausaufgabenhilfe, Kinderbetreuung und ein Deutschkurs. Der konkrete Versuch von Integration. Wenn Doris Harontzas über ihre Erfahrungen spricht, ist ihr anzumerken, wie zäh das ist. "Die Mädchen werden das erste Mal schwanger mit 13 oder 14 Jahren. Die Jungs wollen vor allem gut aussehen."

Ein großer, schwarzer BMW X5 zwängt sich durch die enge Robergstraße, am Steuer ein Bübchen, noch fast ohne Bart. Ist der schon 18? Doris Harontzas kennt ihn. "Ja, 18 ist er schon. Er ist Vater von zwei Kindern", erzählt sie. Er sei noch einer "von den Guten", weil er halbwegs ordentlich seine Schule abgeschlossen habe.

Markus Horstmann ist in Bismarck geboren, er wohnt jetzt nicht weit von hier in einer ruhigen, familiären Mittelschicht-Siedlung. "In Gelsenkirchen sind Gut und Böse manchmal nur ein Spuckweit voneinander entfernt", sagt er. Horstmann trägt Glatze, eine Brille mit schlichtem Gestell und einen Henriquatre-Bart um den Mund. Fährt er mit dem Auto durch die Gegend, kommt er mit dem Grüßen kaum nach, so viele Menschen kennt er. Als Leiter des städtischen Wohnungswesens hat er sich wie kein anderer dem Problem der Schrottimmobilien angenommen. Doch wenn er darüber spricht, dann schiebt er die Stirn weit in die Augen hinein, manchmal bleiben nur Schlitze übrig. Es ist eine schwierige Aufgabe, dennoch will er seine Heimat nicht abschreiben.