Debatte um US-Waffengesetze Tödliches Kulturgut

Schusswaffenbesitzer demonstrieren in Colorado.

(Foto: REUTERS)

Wer Waffen verbieten möchte, argumentiert mit Statistiken, wer sie behalten möchte, mit Gefühlen. Der Massenmord in Newtown erlaubt erstmals seit Langem, auf die Argumente der Schusswaffenlobby ebenfalls mit Emotionen zu antworten. Doch selbst wenn es Obama gelingen sollte, schärfere Gesetze einzuführen, wäre dies nur ein symbolischer Erfolg.

Ein Kommentar von Nicolas Richter, Washington

Früher reichte es dem Regisseur Quentin Tarantino, in seinen Filmen bloß den Innenraum eines Autos mit Blut zu besudeln. In seinem neuen Werk "Django Unchained" nun spritzt er bei einer kathartischen Schießerei die komplette Eingangshalle einer Kolonialresidenz voll. Als ihn jemand fragte, ob diese Exzesse das echte Leben beeinflussten, reagierte er patzig und beleidigt. Ähnlich klang die National Rifle Association (NRA), nachdem Vizepräsident Joe Biden seine Ideen für schärfere Waffengesetze erläutert hatte: Das Weiße Haus, warnte die Waffenlobbygruppe, plane einen Angriff auf die Verfassung.

Diese fast zeitgleichen Ausbrüche erinnern daran, welchen Widerstand die US-Regierung erwarten muss, wenn sie dem meistbewaffneten Land der Welt jetzt neue Regeln für Pistolen- und Munitionskäufe auferlegen will. Selbst wenn es gelingen sollte, dem rechten Abgeordnetenhaus neue Gesetze abzutrotzen, wäre dies auch nur ein symbolischer Erfolg. Die größere Frage lautet, ob es möglich ist, Amerikas Waffenkultur und Gewaltbesessenheit langfristig zu ändern.

Dafür muss man erst einmal zur Kenntnis nehmen, dass viele Menschen in Amerika Waffen als Kulturgut sehen: Sie definieren sich unter anderem darüber, ob sie eine Pistole besitzen. In der Geschichte haben Schusswaffen viele Rollen gespielt, mal schützten sie den weißen Siedler, mal bewiesen sie seinen Status, mal stellten sie sicher, dass alle Menschen gleich - oder gleich stark - waren, mal warnten sie die Zentralregierung vor Anmaßung.

Waffen zur Verteidigung gegen "schwarze Helikopter"

Heute streiten die Beteiligten meist aneinander vorbei. Wer Waffen verbieten möchte, argumentiert mit Statistiken, wer sie behalten möchte, mit Gefühlen. Das Verhältnis des Besitzers zu seiner Waffe ist weniger rational als romantisch, es erzählt von Familientradition, Mut oder Unabhängigkeit. Erklären Waffenfreunde, sie müssten sich notfalls gegen "schwarze Helikopter" der Regierung verteidigen, hilft es wenig zu beteuern, dass diese Hubschrauber nie kommen werden.

Der Massenmord an Grundschulkindern in Newtown erlaubt es jetzt, der Waffenlobby zum ersten Mal seit Langem Emotionen entgegenzusetzen. Der Präsident hat recht, diese Gelegenheit zu nutzen, doch weiß er auch, dass er nur einen Teil seiner Pläne durchsetzen kann. Vielleicht bekommt er ein Verbot großer Magazine, vielleicht werden alle Pistolenkäufer verpflichtet, ihre Vorgeschichte zu offenbaren. Sturmgewehre aber wird er wohl nicht verbannen können, obwohl es kein Argument dafür gibt, Zivilisten mit diesen Massenvernichtungswaffen auszurüsten.

Bevor sich die Gesetze richtig ändern können, wird sich die Kultur ändern müssen - in einem jener schleichenden Prozesse, denen am Ende etwa die Zigarette zum Opfer fiel. Wobei man bei Waffen nicht mal an den Eigennutz appellieren kann: Während die Raucher irgendwann begriffen haben, dass sie sich selbst schaden, glauben Waffenbesitzer gerade das Gegenteil.

Beeinflusst es ein Volk, wenn es permanent Krieg führt?

Eine Abkehr von der Pistole hinge von vielem ab, von Schulen, Kampagnen, Vorbildern; von der Entzauberung der Waffenschmieden; von Debatten darüber, warum Kino, Fernsehen und Videospiele fast nur Schießereien zeigen. Und ob Tarantino nicht noch cooler wäre, wenn er auf seine Blutorgien verzichten würde. Und es lauerte auch die Frage, ob es ein Volk beeinflusst, wenn es permanent Krieg führt.

Gewalt und deren Abwehr aber sind in Amerika sehr zeitlose Themen. In der Filmwelt zum Beispiel beweisen schon die jüngsten Oscar-Nominierungen, dass die Pistole eine Hauptdarstellerin geblieben ist. Für den besten Film sind neben "Django" auch Filme über Abraham Lincoln oder Osama bin Laden nominiert. Wie so oft in Hollywood gipfelt auch deren Handlung darin, dass jemand erschossen wird.