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DDR-Legenden auf dem Prüfstand – Schein und Sein
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Die DDR - ein "Stasi-Staat"?
Keine andere Bezeichnung habe so große Emotionen ausgelöst wie "Stasi-Staat", schreibt der Historiker Thomas Großbölting in seinem Beitrag über das politisch brisanteste Thema. Am 31. Oktober 1989 arbeiteten mehr als 91.000 Menschen für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und 173.000 Männer und Frauen waren als inoffizielle Mitarbeiter tätig. Insgesamt, so wird geschätzt, seien 624.000 Menschen als IM geführt worden. Das Netz war sehr eng: In der UdSSR war ein Agent für 595 Bürger zuständig, in der DDR kam ein Hauptamtlicher auf 180 Bürger.
Großbölting, der als Professor in Münster lehrt, hält es für nachvollziehbar, dass die Vorstellung des spitzelnden Nachbarn, Kollegen oder Onkels die Menschen und Medien im Westen entsetzt, verstört und fasziniert habe. Allerdings sei durch die Konzentration auf die Stasi zu vieles politisiert und überdeckt worden - so sei etwa die Rolle der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) nicht ausreichend untersucht worden. Die Stasi-Debatte sei durch die Debatten um die möglichen oder tatsächlichen Verwicklungen von Manfred Stolpe oder Ibrahim Böhme angeheizt worden. Dabei sei noch immer nicht ausreichend erforscht, wie wirksam die Aussagen der IM für das MfS waren - oder ob nur Berichte abgefasst wurden. Auch andere Fragen seien noch unbeantwortet: Welches Selbstverständnis hatten die Stasi-Mitarbeiter, wie wurden diese rekrutiert und welche Rolle spielte die Stasi im Alltag der Bürger?
Die Legende, die DDR sei ein Volk der Spitzel gewesen, weist Großbölting zurück - und beruft sich vor allem auf angelsächsische Wissenschaftler, da diese in dieser politisierten Frage unvoreingenommener seien. Maximal ein Sechstel der Bevölkerung sei in das Funktionieren der Diktatur verwickelt gewesen, schätzt die Britin Mary Fulbrook. Wie schrecklich die Enttarnung von Spitzeln im Freundes- und Bekanntenkreis für viele Betroffene war, bleibt davon unbenommen.
Karteikarten des MfS in der Berliner Stasi-Unterlagenbehörde. Foto: ddp
2. November 2009, 11:54 2009-11-02 11:54:00