Bundeswehr in Afghanistan Krieg der Wörter

Die Bundeswehr kämpft einen Krieg. Auch wenn der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr alten Vorstellungen vom Kämpfen widerspricht, muss man das Kind beim Namen nennen.

Ein Kommentar von Kurt Kister

In jenen Jahren, als die Terroristen der Roten Armee Fraktion noch mordeten, gab es heftigen Streit über Begriffe, hinter denen Überzeugungen oder gar Ideologien standen. Wer zum Beispiel von der "Baader-Meinhof-Gruppe" sprach, der wollte sich bewusst von denen absetzen, die nur von der "Bande" redeten. "Isolationsfolter" war für das eine Lager ein ebenso richtungsweisender Begriff wie, im anderen Lager, das "Austrocknen der Sympathisantenszene". Auch in den Medien spielte der Krieg um die Wörter und die damit verbundene Selbstpositionierung eine große Rolle.

Das ist Krieg: Mitglieder der Quick Reaction Force der Bundeswehr in Afghanistan.

(Foto: Archivfoto: ddp)

Nach demselben Muster, wenn auch in ganz anderem Zusammenhang, findet gegenwärtig wieder ein Krieg der Wörter statt. Es geht um einen wirklichen Krieg, nämlich den in Afghanistan. Seit Jahren ist die Bundeswehr in Kabul, vor allem aber in der Region Kundus, im Norden des Landes stationiert. Die Zahl der Soldaten, die bei Anschlägen, einsatzbedingten Unfällen oder Gefechten ums Leben kommen, steigt.

Seit geraumer Zeit werden Patrouillen der Bundeswehr gezielt angegriffen. Dies ist substantiell anders als früher, als die Truppe in erster Linie dem Beschuss aus der Ferne sowie der Bedrohung durch Selbstmordattentäter ausgesetzt war. Dennoch spricht man in den Berliner Ministerien offiziell nicht von Krieg, sondern dekliniert alle möglichen Synonyme durch: Konflikt, bewaffneter Schutz, militärischer Einsatz.

Zwar waren deutsche Soldaten auch in Bosnien und Somalia, im Kosovo und im Kongo. Im Vergleich zum Kasernen- und Manöverdasein der Jahrzehnte davor waren auch diese Stabilisierungs- oder Friedenserzwingungseinsätze gefährlich. Afghanistan aber ist der erste Kriegseinsatz der Bundeswehr. Grenadiere und Fallschirmjäger schießen, wenn auch in Selbstverteidigung, um zu verletzen oder zu töten.

Die Bundeswehr ist respektiert, mehr nicht

Das ist Krieg. Er entspricht nicht unbedingt jenem Bild, das viele im friedlichen Deutschland vom Krieg haben. Nein, es gibt keine Schlachten mehr; die hat es nicht einmal beim Angriff der Amerikaner auf den Irak 2003 gegeben. Der Krieg zerfällt heute in viele kleine Gefechte, in Scharmützel, Hinterhalte, Hit-and-run-Attacken. Der materiell Stärkere ist dabei oft der Schwächere, weil die befestigten Feldlager, die Konvois und die Nachschubplätze Ziele für die Guerilleros sind, die diese Infrastruktur nicht haben und deswegen auch kaum zu treffen sind.

Hinzu kommt, dass der Tod eines Soldaten in Deutschland oder Großbritannien oft heftige Diskussionen über den Einsatz insgesamt hervorruft. Es gibt unter den Taliban genug Strategen, die aus einer Stärke westlicher Gesellschaften, der Fürsorge für jeden Einzelnen, eine Schwäche zu machen versuchen.

Sowohl die rot-grüne Bundesregierung als auch die große Koalition haben den Einsatz in Afghanistan zu lange als militärisch geschützte Entwicklungshilfe verstanden. Dies hat auch damit zu tun, dass die deutsche Gesellschaft als Folge der blutigen Geschichte des Landes glücklicherweise sehr zivil geworden ist. Die Bundeswehr ist akzeptiert, bestenfalls respektiert, aber nicht mehr. Sie ist de facto eine Freiwilligenarmee, die gerade im Osten Deutschlands als Ausweg aus der Arbeitslosigkeit gesehen wird. Soldat um des Soldatseins willen werden nicht mehr viele Männer und Frauen. Öffentliche Bekenntnisse zur Bundeswehr, wie sie der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe von Kirchen, Gewerkschaften und Wirtschaft fordert, ändern nichts an dieser Situation.

Eine semantische Farce

Es hat lange gedauert, bis das Verteidigungsministerium bereit war, die toten Soldaten in Afghanistan "Gefallene" zu nennen. Manchmal hatte man den Eindruck, die politische Führung habe es für ein Art böses Orakel gehalten, solche Begriffe zu benutzen. Mittlerweile schlägt der Sprachgebrauch ins andere Extrem aus: Es ist fast schon ein Akt der politischen Korrektheit geworden, von Gefallenen zu sprechen.

Die einen signalisieren damit, dass sie den Ernst der Lage anerkennen, dass sie die deutsche Kriegsteilnahme nicht verschleiern wollen. Die anderen, darunter der unangenehm bürokratisch sowie überfordert wirkende Verteidigungsminister Jung, reden von Gefallenen, weil sie glauben, so den letzten Einsatz der Gefreiten und Feldwebel für das ganze Land zu ehren. Jung spricht zwar jetzt von Gefallenen, will aber immer noch nicht von Krieg reden. Das ist eine ärgerliche semantische Farce.

In Teilen der politischen Klasse gibt es die Ansicht, Regierung und Koalitionsparteien müssten sich stärker zum Einsatz in Afghanistan "bekennen". Dann "verstünden" die Deutschen die Rolle der Streitkräfte am Hindukusch besser und würden auch die Soldaten mehr unterstützen. Das ist, mit Verlaub, Humbug. Wer will, kann sich seit Jahren mit allen Argumenten für oder gegen die Deutschen in Afghanistan versorgen. Die Zustimmung zu diesem bedeutenden Teil der Außenpolitik ist schwankend - auch weil die Skepsis gegenüber militärisch unterfütterter Außenpolitik in Deutschland so groß ist. Das liegt nicht daran, dass die Leute zu wenig über Realpolitik und Militär wissen, sondern eher daran, dass es im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts schon zu viel Realpolitik gegeben hat. Auch zu viele Gefallene.