So verlief die Bundesversammlung Wie Joachim Gauck Bundespräsident wurde

Deutschland hat ein neues Staatsoberhaupt: Joachim Gauck. Der 72 Jahre alte ehemalige Pfarrer aus Rostock erhielt bereits im ersten Wahlgang 991 Stimmen in der Bundesversammlung. Allerdings hat es im Gauck-Lager mehr als 100 Enthaltungen gegeben. Das ist ein klarer Dämpfer - und war so nicht zu erwarten.

Das Liveblog zum Nachlesen von Thorsten Denkler, Berlin, Lena Jakat und Oliver Das Gupta

Die Bundesversammlung hat den früheren DDR-Bürgerrechtler und Pastor Joachim Gauck zum Staatsoberhaupt gewählt. Wie der Tag verlief, schilderte das Liveblog von Süddeutsche.de. Es berichteten Thorsten Denkler (bei Twitter erreichbar unter @thodenk), Lena Jakat (@lenajakat) und Oliver Das Gupta (@oliverdasgupta)

09:12 Uhr Andacht zum Auftakt

Viele, die heute Mittag das neue Staatsoberhaupt wählen, finden sich schon am Morgen am Gendarmenmarkt zusammen. Hunderte Mitglieder der Bundesversammlung besuchen zur Stunde den ökumenischen Gottesdienst in Französische Friedrichstadtkirche. Ebenfalls dabei: die Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck und Beate Klarsfeld.

09:21 Uhr Gauck will nur danken

(Foto: REUTERS)

Joachim Gauck kann mitreißende Reden halten - doch nicht am Tag seiner vermutlichen Wahl. "Morgen gibt's nur Dankesworte, da gibt es noch keine politische Rede", sagte Gauck am Samstag zu Journalisten. Aber wann er das, was er am besten kann, zeigen will, kündigte er trotzdem an: Eine Rede "gibt's vielleicht am 23., da müssen Sie sich noch ein paar Tage gedulden".

09:39 Uhr Lob für Wulff

Vertreter der evangelischen und der katholischen Kirche fordern in ihren Predigten mehr Engagement für die Demokratie. Prälat Karl Jüsten, Leiter des Katholischen Büros in Berlin, würdigt diejenigen, die sich für das Gemeinwesen ehren- oder hauptamtlich engagieren. Ausdrücklich schließt er Ex-Bundespräsident Christian Wulff mit ein - das werden viele Bürger wohl anders sehen

09:45 Uhr Versammelte Staatsspitze

(Foto: REUTERS)

An dem Gottesdienst nehmen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundestagspräsident Norbert Lammert teil - und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer. Dessen Zeit als Interimsstaatsoberhaupt endet just in dem Augenblick, da die Person, die die meisten Stimmen der Bundesversammlung erhält, die Wahl annimmt.

10:05 Uhr Warten auf Mittag

Um 12 Uhr kommt im Reichstag die Bundesversammlung zusammen, um das neue Staatsoberhaupt zu wählen. Bis dahin treffen sich die Wahlleute mit den Bundestagsfraktionen. Viel zu diskutieren dürfte es nicht geben, schließlich gilt die Wahl des CDU-CSU-SPD-FDP-Grünen-Kandidaten Joachim Gauck als sicher. Aber ob der kantige Pastor aus Rostock auch alle Stimmen erhält?

10:32 Uhr Gauck rechnet mit weniger Stimmen

Gauck selbst glaubt offenbar, dass nicht alle Wahlleute der Parteien, die ihn nominiert haben, auch für ihn stimmen werden. Demonstrativ baute er am Freitag schon mal vor, als er die mecklenburgischen Landeskirche besuchte. Er wisse um "ein gewisses Grummeln in manchen Milieus", sagte er da. Manche seiner Aussagen aus der Vergangenheit hätten Irritationen ausgelöst, besonders wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen worden seien - eine Anspielung auf seine umstrittenen Kommentare zu den Thesen des Thilo Sarrazin. Wie Gauck zur Integrationsdebatte tatsächlich steht, kann man in einem ausführlichen Interview lesen, das Gauck der SZ im Herbst 2010 gegeben hatte.

11:01 Uhr Rüffel für Reporter, Hoffnungen bei der FDP

(Foto: dapd)

Im Reichstag wimmelt es vor Menschen, prominente Wahlleute geben Kurzinterviews: Der sächsische FDP-Chef Holger Zastrow hat Gauck schon bei der letzten Bundesversammlung gewählt. Inzwischen ist er auch Vize-Vorsitzender der maladen Bundespartei. Zastrow setzt große Hoffnungen auf die Wirkung eines Präsidenten Gauck: dass die "merkwürdige Kritik an der Marktwirtschaft" abebbe und sich der aktuelle "Zeitgeist" ändere (was Zastrow damit meint, kann man hier lesen).

Der Grüne Fritz Kuhn wiederum haut auf die Linke drauf, weil sie Gauck nicht wählen mag. Die Kritik an Gauck aus den eigenen Reihen sei klein, versichert er.

Dann tritt Bernhard Vogel vor die Phoenix-Kameras. Der Interviewer redet den CDU-Veteranen mit dem Namen seines Bruders und SPD-Veteranen Hans-Jochen Vogel an und wird darauf gerüffelt: "Wenn sie zunächst respektieren: Mein Vorname ist Bernhard". Dann sagt Vogel nur Gutes über Gauck - und antwortet nicht auf die Frage, warum er bei der Bundesversammlung 2010 Christian Wulff gewählt hat.

11:12 Uhr Eine Lehre aus dem Wahlmarathon 2010

Frische Kräuter stehen auf der Fraktionsebene bereit für das anschließende Buffet nach der Wahl. Sie sind in Blumenerde gepflanzt, so verdorren sie nicht, bis sie gebraucht werden. Man hat gelernt aus der Vergangenheit: Als 2010 nach einem langen Tag endlich Christian Wulff als neuer Bundespräsident fest stand, hat das Buffet den Wahlmarathon nicht überstanden. Es musste komplett neu gekocht werden.

11:32 Uhr Als es Pfiffe in der Bundesversammlung gab

Die Bundestagsverwaltung hat die Protokolle der früheren Bundesversammlungen ins Internet gestellt. Es lohnt, darin zu stöbern. So zeigt ein Blick in die Wahl des Nachfolgers von Theodor Heuß 1959, dass seinerzeit die Stimmabgaben von Persönlichkeiten lautstark mitunter abliefen: "Bei der Stimmabgabe werden mit Beifall begrüßt Bundeskanzler Dr. Adenauer, Regierender Bürgermeister Brandt (Berlin)", vermerkt das Protokoll. Ebenso beklatschten die Wahlleute Wirtschaftsminister Erhardt, Verteidigungsminister Strauß, SPD-Chef Ollenhauer und den späteren neuen Präsidenten Lübke. Unangenehm wurde es für den damaligen Bundesinnenminister: "Bei der Stimmabgabe des Bundesministers Dr. Schröder ertönen Pfiffe von links".

11:39 Uhr Gauck im Reichstag

(Foto: dapd)

Der Kandidat kommt an: Joachim Gauck und Daniela Schadt betreten das Reichstagsgebäude durch das Ostportal. Derweil erklärt der Grüne Hans-Christian Ströbele, dass er Gauck nicht wählen wird. Er habe sich die Deckung der Basis geholt.

11:44 Uhr Eine Frau, zwei Stimmen

Ein schwarz-grünes Mini-Signal aus Baden-Württemberg ist Ruth Baumann: Die Präsidentin der Unternehmerfrauen im Handwerk darf zweimal wählen - weil sie sowohl von der CDU, als auch von den Grünen aufgestellt wurde: ein Novum in der Geschichte der Bundesversammlung.

11:51 Uhr Applaus für Klarsfeld

(Foto: REUTERS)

Applaus für Beate Klarsfeld im Reichstag. Sie hat sich mit den Wahlfrauen und Wahlmännern der Linken zum Gruppen-Foto vor dem Fraktionssaal zusammengestellt. Die Fotografen knipsen, Klarsfeld lächelt. Das war es. Die Nazi-Jägerin Klarfeld hat getan, was sie als "gute Deutsche" tun wollte und musste: Kandidatin sein für das Amt des Bundespräsidenten. Nach dem Tag wird sie wieder einfach Beate Klarsfeld sein. Es wird ihr schwerfallen.

11:55 Uhr Zwei Kandidaten, die froh sind, es nicht mehr zu sein

Alt-Bischof Wolfgang Huber steht auf der Besuchertribüne in ein Gespräch mit Verfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle vertieft. Beide eint, dass sie nach dem Rücktritt Wulffs Bundespräsident hätten werden können. Wenn Sie a) gewollt hätten und b) nicht alles ohnehin auf Gauck zuglaufen wäre. So viel ist überliefert: Beide sind ganz froh darum.

11:58 Uhr Eine Stimme weniger für Klarsfeld

Linken-Chefin Gesine Lötzsch erklärt, dass Klarsfeld eine Stimme weniger erhalten wird, weil ein Linken-Wahlmann krank ist. Dann muss sie los: In zwei Minuten beginnt die Bundesversammlung.

11:59 Uhr Gauck auf der Tribüne

(Foto: REUTERS)

Gauck betritt die Ehrentribüne im Plenum des Bundestages. Er kommt kaum voran, muss Hände schütteln, wird umarmt und geküsst von seinen Liebsten. Am Ende noch ein Plausch mit dem Sozialliberalen Gerhart Baum, der sich in den vergangenen Jahren wohl zu viele Feinde in der FDP gemacht hat, um ernsthaft  jemals Kandidat werden zu können. Dann ertönt der Gong, die Bundesversammlung beginnt.

12:01 Uhr Entspannte Kanzlerin

Kanzlerin Angela Merkel scheint die Entspannung pur zu sein. Lässig steht sie in einem braun abgesetzten Hosenanzug an die Regierungsbank gelehnt. Mit einem Arm stützt sie sich auf das Pult, die andere Hand in der Hosentasche, die linke Fußspitze rechts neben das rechte Bein gesetzt. Bundestagspräsident Norbert Lammert betritt das Plenum und eröffnet die Bundesversammlung.

12:04 Uhr Gefühlswallung eines Grünen über "Holger Hitler"

Der Grünen-Abgeordnete Omid Nouripour ‏ twittert: "Bundesversammlung. 2:80 cm rechts von mir sitzt "Sachsen-Apfel Holger Hitler" (taz). Ich glaube, ich muss kotzen!"

12:06 Uhr Lammerts Ironie und Kritik

Handschlag der Präsidenten nach der Wahl: Parlamentsboss Lammert (links oben) und Staatsoberhaupt (rechts unten)

Handschlag der Präsidenten nach der Wahl: Parlamentsboss Lammert (links oben) und Staatsoberhaupt (rechts unten)

(Foto: dapd)

Lammert sagt: "Nach dem Grundgesetz wird der Bundespräsident für fünf Jahre gewählt." Dem Applaus nach dieser Selbstverständlichkeit entnimmt Lammert, dass Verfassungsänderungen nicht beabsichtigt seien. Es werde "niemand für eine Errungenschaft halten", dass die Abstände immer kürzer geworden seien, sagt er mit ironischem Unterton.

Es gebe im Fall Wulff Anlass für "selbstkritische Betrachtung, nicht nur an eine Adresse", sagt Lammert. Manches sei würdelos gewesen. Lammert meint die "Enthemmung im Internet". Vor enthemmten Politikern spricht er nicht.

12:15 Uhr Parforce-Ritt durch die deutsche Geschichte

Lammert nutzt das Datum 18. März für einen Parforce-Ritt durch die deutsche Geschichte. Von den Jakobinern über die deutsche Revolution von 1848 bis zu ersten freien Volkskammerwahl in der DDR am 18. März 1989. Ein bezeichnendes Datum für die Wahl von einem wie Joachim Gauck, den das Thema Freiheit wie kaum einen anderen beschäftigt.

12:18 Uhr Kein Beifall beim Stichwort "Pressefreiheit"

Demokratie braucht das Vertrauen in seine Amtsträger, findet Lammert. Viel Applaus im Rund. Als Lammert kurz zuvor von der Notwendigkeit der Pressefreiheit spricht, rührt sich keine Hand.

12:21 Uhr "Lammert ist der heimliche Star der Bundesversammlung"

(Foto: REUTERS)

Lammerts Rede wird bei Twitter durchaus positiv aufgenommen: "Wie beim letzten Mal der heimliche Star der Bundesversammlung", schreibt @martinhoffmann aus Leipzig. Und @lichtwolf findet: "So, wie Norbert Lammert mal wieder die Bundesversammlung rockt, hätte er auch einen guten Wetten-dass-Moderator abgegeben".

12:24 Uhr Formalien vor dem Wahlgang

Jetzt die Formalien, bevor gleich alle Mitglieder der Bundesversammlung in alphabetischer Reihenfolge aufgerufen werden, ihre Stimme abzugeben. Zur Erinnerung: Gauck reichen 621 Stimmen. Die ihn tragenden Parteien kommen zusammen auf 1100 Stimmen. Der erste Wahlgang wird also sicher reichen.

12:35 Uhr Handyverbot für Zählkommission

Die nächste spannende Frage: Wird das Ergebnis wieder via Twitter öffentlich sein bevor Lammert es im Plenum verkündet? Bei der Wahl von Köhler war das so - auch wegen der CDU-Frau Julia Klöckner. Bei Wulff war zumindest immer klar, ob es im jeweiligen Wahlgang gereicht hat. Heute gibt es ein Handy-Verbot für die Mitglieder der 42-köpfigen Zählkommission. Ein wenig scheint das zu wirken: 2010 war zu diesem Zeitpunkt der Wahl bereits das Handynetz im Umkreis des Reichstages zusammengebrochen.

12:36 Uhr Wut auf NPD

Auch die NPD darf eine Handvoll Wahlleute in die Bundesversammlung schicken. Ihr Kandidat ist aussichtslos, allerdings versuchen sie in Form von sinnlosen Anträgen Aufmerksamkeit zu erheischen, die allesamt abgelehnt werden. Sauer sind trotzdem einige: CSU-Vizegeneralsekretärin Dorothee Bär etwa twittert: "Die Sch... NPD hat uns mit ihren wirren Anträgen eine halbe Stunde gekostet".

12:41 Uhr Frohe Bätzing, armer Zastrow

Wurden von den Grünen nominiert: Regisseur Sönke Wortmann mit Semiya Simek, Tochter eines Mordopfers des rechtsextremen NSU-Terrors. In der Hand hält sie die blaue Wahlkarte.

Wurden von den Grünen nominiert: Regisseur Sönke Wortmann mit Semiya Simek, Tochter eines Mordopfers des rechtsextremen NSU-Terrors. In der Hand hält sie die blaue Wahlkarte.

(Foto: REUTERS)

Sabine Bätzing ‏ hat es schon hinter sich: Die SPD-Abgeordnete verkündet via Twitter: "So - ich habe Joachim Gauck gerade gewählt!" Andere Wahlleute müssen noch lange bis zur Stimmabgabe warten, es geht nach dem Alphabet. Armer Holger Zastrow.

12:51 Uhr Letzte Einspruchmöglichkeit

CDU-Mann Thomas Jarzombek ‏ schreibt auf Twitter: "Gleich bin ich dran. Wer jetzt noch etwas gegen Gauck vorbringen will, der möge jetzt twittern oder für fünf Jahre schweigen!". Nun denn: Er ist unter @tj_tweets erreichbar.

13:09 Uhr Käßmann fordert mehr Fairness im Umgang mit Politikern

Während die Bundesversammlung ihren Gang nimmt, läuft eine Wortmeldung der früheren EKD-Vorsitzenden Margot Käßmann über den Ticker. Die zurückgetretene Bischöfin mahnt einen fairen Umgang mit Politikern an. In ihrer Predigt in der Marktkirche von Hannover erinnert sie an das achte Gebot und fordert mit Blick auf die Bundespräsidentenwahl und Ex-Bundespräsident Christian Wulff ein besseres Verhalten miteinander. "Auch da gilt es, Kandidaten zu respektieren - auch amtierende übrigens - Gutes von ihnen zu reden, nicht kritisieren oder Fehler und Mängel suchen", sagt Käßmann.

13:14 Uhr "Wulff Kosten für die Wahl vom Ehrensold abziehen"

Die Abstimmung läuft, bald ist der Buchstabe S durch, dann folgt die Auszählung. Im Internet macht man sich über andere Dinge Gedanken: "Was passiert eigtl, wenn einer seinen Ausweis doch vergisst? ist bei so vielen Delegierten doch wahrscheinlich", twittert Moritz Windegger. Wibke Ladwig beschäftigt sich mit dem Finanziellen: "Werden dem Wulff die Kosten für die BuPrä-Wahl eigentlich vom Ehrensold abgezogen?"

13:30 Uhr Wahl beendet

Fotos an Papas großem Tag: Joachim Gaucks Sohn Christian auf der Besuchertribüne des Bundesversammlung.

Fotos an Papas großem Tag: Joachim Gaucks Sohn Christian auf der Besuchertribüne des Bundesversammlung.

(Foto: dpa)

Nun laufen die Wahlleute von Fernsehauftritt zu Fernsehauftritt: Der CSU-Minister Söder steht mit FDP-Mann Kubicki bei der ARD, der grüne Ministerpräsident Kretschmann preist bei Phoenix den mutmaßlichen nächsten Präsidenten für seine Redegabe. Dann tritt Lammert ans Mikrofon - und schließt die Wahl. Die Auszählung kann beginnen.

13:39 Uhr Klarsfeld hofft auf Orden von Gauck

Beate Klarsfeld hat sich offenkundig schon mit ihrer Niederlage abgefunden - und spekuliert zugleich auf eine hohe Ehrung. Die Kandidatin der Linken für das Bundespräsidentamt hofft, dass Gauck ihr das Bundesverdienstkreuz verleiht. Seit Jahrzehnten jagt Klarsfeld zusammen mit ihrem Mann Serge Nazi-Verbrecher - dafür fand sie weiltweit Anerkennung. Sie ohrfeigte auch den damaligen Bundeskanzler Kiesinger, weil der NSDAP-Mitglied war - was hierzulande zumindest im bürgerlichen Lager nach wie vor unvergessen ist.

Dass sie heute gegen Gauck chancenlos ist, räumt Klarsfeld bei Phoenix ein: "Dass ich heute hier stehe und Kandidatin bin, auch wenn ich nicht gewinnen werde, ist immerhin eine Anerkennung für die viele Arbeit, die ich seit so vielen Jahren leiste". Sie wäre aber froh, wenn sie Stimmen von anderen Parteien bekäme. Sehr viel mehr als 124 Stimmen dürfte sie aber am Ende nicht bekommen - denn so viele stellen die Linken in der Bundesversammlung.

13:43 Uhr Zeit für Plausch und Handy-Fotos

(Foto: dpa)

Die Sitzung ist unterbrochen. Zeit für einen Plausch in ungewöhnlichen Konstellationen - und für Erinnerungsbilder. Grünen-Chefin Claudia Roth fotografiert Hertha-Trainer und CDU-Wahlmann Otto Rehagel zusammen mit Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin mit ihrem Handy. Alle warten jetzt auf das Ergebnis. In etwas mehr als einer halben Stunde soll es vorliegen.

13:52 Uhr Titanic-Ulk mit Überraschungs-Präsident

Das Satire-Magazin Titanic hat sich für diesen Sonntag einen besonderen Gag einfallen lassen. Es präsentiert einen wohlbekannten Freund Christian Wulff als Überraschungspräsidenten - diesen hier.

13:59 Uhr Auszählung läuft

Nach wie vor läuft die Auszählung im Reichstagsgebäude, in den Fernsehsendern und in den Gängen drehen sich die Gespräche um eine Frage: Wie wird Gauck als Präsident? Einen Eindruck vermittelt das lange Interview, das er vor anderthalb Jahren der SZ gab. Aus aktuellem Anlass noch einmal der Link auf das Gauck-Gespräch von 2010, in dem er über Patriotismus und Kapitalismus, Thilo Sarrazin und die Medienmacht redet.

14:03 Uhr Wartezeit - Beratungszeit

Die Wartezeit wird auch genutzt um ein paar spannende Entscheidungen vorzubereiten. Alles was in der NRW-CDU Rang und Namen hat, ist jetzt hier. Es geht um die Frage, ob Norbert Röttgen Bundesumweltminister bleiben kann, wenn er die NRW-CDU in den Wahlkampf führt. Der Druck ist groß. Überall im Plenum stecken Unionsleute die Köpfe zusammen. Und bei den Grünen wird am Rande der Bundesversammlung verhandelt, ob zur Bundestagswahl eine Doppelspitze oder ein Viererteam antritt und ob es eine Urabstimmung geben soll.

14:05 Uhr Die Hoffnung des Cem Özdemir

Grünen-Chef Cem Özdemir erhofft sich von einem Bundespräsidenten Gauck ein neues deutsches Wir-Gefühl. "Er wird keiner sein, der Demokratie als etwas Langweiliges darstellt", sagt Cem Özdemir den Journalisten, die bis zur Bekanntgabe des Ergebnisses die Zeit mit Interviews überbrücken. "Das Spannendste an ihm ist, dass er Leuten Angebote machen kann, die mit der Demokratie schon abgeschlossen haben."

14:07 Uhr Netzgemeinde witzelt über Gebrüder Vogel

Die Politik-Veteranen und Brüder Bernhard (CDU) und Hans-Joachim (SPD) Vogel streiten in der ARD über Wulff und seinen Nachfolger - zum Amüsement der Netzgemeinde: "Das sind schon zwei Komiker", twittert @smatthes und vielen geht es wie @thordes, der sich an die beiden Opas aus der Muppet-Show erinnert fühlt: "Wie Waldorf und Statler", raunt es auf Twitter.

14:10 Uhr Gauck gewählt - besagen SMS

Der Kollege Thorsten Denkler meldet: "Die ersten SMS kommen an. Nachricht: Gauck ist gewählt."

14:12 Uhr Merz, Rehagel und die letzten Minuten des Staatsoberhaupts Seehofer

Noch eine schöne Szene: Otto Rehagel erzählt gerade EX-CDU-Talent Friedrich Merz irgendetwas, was er offenbar nur mit raumgreifenden Gesten erklären kann. Womöglich hat er einen Plan, wie die schwarz-gelbe Regierung noch vor dem Abstieg in die zweite Lige zu retten ist. Naja, ob Rehagel da jetzt so ein kompetenter gespächspartner ist, darf nach seiner gestrgen 6:0 Niederlage gegen die Bayern getrost bezweifelt werden.

Der Plenarsaal füllt sich langsam wieder, einige Wahlleute setzen sich schon wieder auf ihre Plätze. Irgendwo steht CSU-Chef Horst Seehofer, er scheint inne zu halten. In wenigen Minuten ist er wohl kein Staatsoberhaupt mehr.

14:16 Uhr SZ-Information: Mehr als 100 Enthaltungen im Gauck-Lager

Mehr als 100 Enthaltungen hat es nach Informationen der SZ im Gauck-Lager gegeben. Das ist ein klarere Dämpfer und war so nicht zu erwarten.

14:19 Uhr Nur 991 Stimmen für Gauck

SZ-Informationen: Für Gauck haben 991 gestimmt. 108 Wahlleute haben sich enthalten.

14:21 Uhr Gauck ist Präsident der Bundesrepublik Deutschland

Lammert gibt das Ergebnis bekannt: 1228 gültige Stimmen. Enthalten haben sich 108 Mitglieder der Bundesversammlung. 126 Stimmen entfielen auf Beate Klarsfeld, auf Gauck entfielen 991 Stimmen. Gauck ist damit 11. Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.

14:24 Uhr Steinmeier erster Gratulant

(Foto: dpa)

SPD-Frationschef Frank-Walter Steinmeier ist der erste Gratulant, dicht gefolgt von Kanzlerin Angela Merkel, sowie den Spitzen von FDP und Grünen. Horst Seehofer, Interimspräsident für vier Wochen hat etwas Besonderes mitgebracht: einen Blumenstrauß in den weiß-blauen Landesfarben Bayerns.

14:25 Uhr Erste Worte des Präsidenten

Gauck nimmt die Wahl an - und tritt ans Pult. Es sind seine erste Worte als Präsident: "Was für ein schöner Sonntag!"

14:27 Uhr Gauck erinnert an den 18. März - im Jahre 1989

Gauck erinnert an die erste freie Wahl der Volkskammer am 18. März 1989. "Nie werde ich diese Wahl vergessen. Niemals." Sei dem "war diesen Wissen in mir: Ich werde niemals, niemals eine Wahl versäumen." Er habe zulange auf das "Glück der Mitwirkung warten" müssen.

14:29 Uhr Linke applaudierte Gauck

Als Gauck gewählt wurde, stand auch die Linksfraktion auf und applaudierte geschlossen. Nun, da Gauck gegen die "Diktatoren" wettert, die in der DDR herrschten, rührt sich keine Hand bei der Linken.

14:31 Uhr Ein Versprechen

(Foto: dpa)

Gauck sagt, er werde "sicher nicht alle Erwartungen erfüllen können". Aber er verspricht, er werde "mit allen Kräften und mit meinem Herzen ja sagen zu der Verantwortung die sie mir heute übertragen haben".

14:33 Uhr Ein Land, das auch für Minderheiten Heimat ist

Gauck wirkt demütig, er redet ohne einen triumphalen Zwischenton. Zum Schluss verweist er auf jene, die im Abseits stehen, die zu gesellschaftlichen Minderheiten gehören. Das Land müsse so sein, "dass auch sie zu diesem Land unser Land sagen können". Dann geht zurück zu seinem Platz setzt sich und genießt den Applaus.

14:35 Uhr Nummer elf und die zehn Vorgänger

Alle Bundespräsidenten von Heuss bis Gauck in Bildern.

14:41 Uhr Gute Laune bei Merkel

Nach den Schlussworten von Parlamentspräsident Lammert spielt eine Kappelle das Deutschlandlied. Die Wahlleute singen die Nationalhymne, danach lädt Lammert zum Büffet, die Bundesversammlung ist geschlossen.

Während Gauck noch im Plenum bleibt und viele Hände schüttelt, steht Kanzlerin bei ARD und ZDF - und gibt sich demonstrativ gut gelaunt. Das sei "ein guter Tag für Deutschland".

14:58 Uhr "Habemus presidentem"

Das ironische Latein der Twitter-Gemeinde: "Habemus presidentem", zwitschert @CemB, "Habemus pastorem" @alealviani.

15:23 Uhr Drei Stimmen mehr für Klarsfeld

Erfolg für die Nazi-Jängerin und Kandidatin der Linken: Mit 126 Stimmen erhielt Beate Klarsfeld mindestens drei Stimmen mehr, als Wahlleute der Linken am Sonntag im Reichstagsgebäude versammelt waren. Es war also nicht nur Gaucks, sondern auch Klarsfelds Tag: Dass sie zur Präsidentenwahl antreten konnte und jede Menge Aufmerksamkeit bekam, ist Klarsfeld offenkundig späte Genugtuung für ihre Arbeit als Kämpferin gegen das Vergessen der Gräueltaten der Nationalsozialisten.

15:34 Uhr Virtuell ist Gauck schon in Bellevue

Keine Stunde nach seiner Wahl zum Staatsoberhaupt ist Joachim Gauck auch virtuell ins neue Amt eingezogen. Auf der offiziellen Internetseite www.bundespraesident.de war bereits am Sonntagnachmittag neben einem Porträt des 72-Jährigen zu lesen: "Joachim Gauck wurde am 18. März 2012 von der 15. Bundesversammlung im Plenarsaal des Deutschen Bundestages zum elften Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt." Auch in die Online-Übersicht der Staatsoberhäupter ist Gauck nach seinem Vorgänger Christian Wulff schon eingerückt. Details wie Termine fanden sich vorerst noch nicht.

Bevor Gauck seine Amtsgeschäfte aufnimmt, steht noch ein wichtiges Detail aus: Er muss seinen Amtseid leisten.

15:57 Uhr Gaucks Rede zum Nachlesen

Für alle, die die Dankesworte Gaucks nach seiner Wahl nachlesen wollen: Die erste Rede des gewählten Bundespräsidenten im Wortlaut finden Sie hier.