Bundespräsident in Israel Gaucks leise Unhöflichkeiten in Jerusalem

Erhält die Ehrendoktorwürde als Anerkennung seines Kampfes gegen Antisemitismus: Joachim Gauck (Mitte) an der Hebräischen Universität Jerusalem.

(Foto: Gali Tibbon/AFP)

In Israel erlebt der Bundespräsident emotionale Momente. Während einer Rede wird seine Stimme rau. Dann wählt er unmissverständliche Worte.

Von Constanze von Bullion, Jerusalem

Kurzbesuch, Arbeitsbesuch, Höflichkeitsbesuch - eigentlich war eine eher geschäftsmäßige Reise geplant. Weil der Bundespräsident aber ist, wer er ist, wird aus seinem Besuch in Israel eine recht emotionale Angelegenheit. Von Terror und vom Ertauben des Mitgefühls ist da die Rede und natürlich von Joachim Gauck.

Sonntagmorgen an der Hebräischen Universität Jerusalem, das deutsche Staatsoberhaupt ist gekommen, um 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik zu würdigen. "Wir Deutschen bleiben an Ihrer Seite", wird Joachim Gauck bei dieser Reise sagen, die ihn später auch nach Jordanien führen soll. Am Samstag trifft er Israels Präsidenten Reuven Rivlin, den er freundschaftlich bei der Schulter packt. Sonntagmorgen spricht er mit dem israelischen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, mit dem ihn wegen der Siedlungspolitik deutlich weniger Nähe zu verbinden scheint.

Das Gespräch mit Netanjahu sei "substanziell und offen" gewesen, heißt es hinterher in Teilnehmerkreisen. Mit anderen Worten: Man wurde sich nicht einig. Netanjahu habe die Terrorgefahr beschworen und sich "in harten Worten" über die EU beschwert, die Lebensmittel aus besetzten Palästinensergebieten kennzeichnet. Ein Boykott sei das - Gauck habe widersprochen.

Sonntagmittag dann zeigt der Bundespräsident ein anderes Gesicht, er sitzt da in der Hebräischen Universität Jerusalem, vor einem halb leeren Hörsaal. Gauck aber strahlt, wegen der jungen Sängerin auf der Bühne, die nicht nur eine tolle Stimme hat. Ihm wird auch die Ehrendoktorwürde verliehen, als Anerkennung seines "weltweiten Kampfes gegen Rassismus, Extremismus und Antisemitismus", wie sein Laudator sagt.

Der Bundespräsident erzählt dann von Deutschen, die besonders spät gelernt hätten, sich den Juden zu öffnen. Er meint die Bürger der DDR, die sich antifaschistisch nannte, "doch den Überlebenden der Schoah verweigerte sie fast jede Solidarität". Erst nach der Wende habe die Volkskammer um Verzeihung für "Heuchelei und Feindseligkeit der offiziellen DDR-Politik gebeten". Und auch er selbst habe erst in Gesprächen mit Überlebenden begriffen, wie tief Vernichtung und Völkermord "die Seelen der Überlebenden und selbst noch der Nachfahren verstört hatten".

"Freundschaft ist so ein einfaches Wort"

An dieser Stelle wird Gauck die Stimme rau, er erzählt von Tel Aviv, wo er am Vorabend das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach gehört habe. Bach in Israel, eine Überlebende habe ihn umarmt, und Präsident Rivlin ihm Freundschaft versichert. "Freundschaft ist so ein einfaches Wort, nachdem die Hölle den Rachen aufgetan hat", sagt Gauck. Er kämpft jetzt, mit sich, lässt den Satz im Nichts enden.

"Freundschaft ist keine Selbstverständlichkeit"

In Israel erlebt der Bundespräsident emotionale Momente. mehr ...

Es gibt bei dieser Rede aber auch nüchternere Momente und leise Unhöflichkeiten. "Jetzt, wo der Terror näher an uns in Westeuropa heranrückt, kann ich besser jene Bedrohung erfassen, in der die Israelis seit Jahrzehnten leben", sagt Gauck.

Statt seine Gastgeber nun mit Verständnis zu beglücken, zitierte er den israelischen Schriftsteller David Grossman. Der habe erlebt, wie das Leben unter Terrorbedrohung "die ganze Gesellschaft verunstaltet" - und er habe an sich selbst beobachtet, "wie schwer es ist, der rassistischen Denkweise entgegenzuwirken, wenn man in einem Klima des Terrors lebt". Nicht nur in Frankreich, auch in Israel hätten diese Worte "neue Aktualität", schiebt Gauck noch nach. Nur damit da kein Missverständnis aufkommt.