Brexit "Dass wir EU-Bürger so unter die Räder kommen, habe ich nicht erwartet"

Ein Einbahnstraßen-Schild am Smith Square in London

(Foto: picture alliance / Yui Mok/PA Wi)

Seit dem Brexit-Votum hat sich das Leben vieler Ausländer in Großbritannien stark verändert. Tanja Bültmann, Professorin für Geschichte in Newcastle, ist erschüttert von der feindseligen Atmosphäre.

Interview von Thomas Hummel

Wie ist künftig die Rechtslage der Bürger, die vor dem Brexit aus der EU nach Großbritannien gezogen sind beziehungsweise der Briten, die in der EU leben? Die britische Regierung hat diese Frage in die konfliktreichen Brexit-Verhandlungen mit einbezogen. Viele der etwa 3,2 Millionen EU-Bürger auf der Insel fühlen sich deshalb wie "bargaining chips", wie ein Faustpfand, wie Spielgeld.

Tanja Bültmann, geboren in Bielefeld, lebt seit 2009 in Großbritannien und ist Professorin für Geschichte an der Northumbria University in Newcastle upon Tyne. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit Migration und muss nun selbst erfahren, was die Hetze gegen Migranten auslösen kann.

SZ: Zuletzt haben Premierministerin Theresa May und Jean-Claude Juncker als Präsident der EU-Kommission feierlich eine Einigung verkündet. Die Rechte der EU-Bürger in Großbritannien seien gesichert.

Tanja Bültmann: Es gab Fortschritte. Doch es ist eigentlich keine Einigung, weil nichts daran bindend ist. Das ist das größte Problem. Seit 500 Tagen leben wir EU-Bürger in Großbritannien in der Ungewissheit, was mit uns geschehen soll. Wenn es überhaupt bei den neuen Beschlüssen bleibt, dann werden sie erst am Ende des Brexit-Prozesses rechtskräftig. Das kann noch dauern. Und da die regierenden Konservativen permanent selbst über alles uneins sind, nicht wissen, was sie eigentlich wollen, besteht weiterhin die Möglichkeit, dass wieder alles von vorne losgeht. Oder das britische Unterhaus stimmt am Ende dagegen. Es bleibt unsicher.

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Haben Sie auch inhaltliche Kritik?

Insbesondere stellt sich weiterhin die Frage, wer rechtlich für uns zuständig sein wird. Britische Gerichte sollen die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs acht Jahre lang achten. Doch was passiert danach?

Es heißt, das Innenministerium würde EU-Ausländer gezielt schikanieren.

Das ist die Realität. Die Vorgänge sind teilweise erschütternd. Das Ministerium forderte zum Beispiel Hunderte Menschen in Briefen auf, sich darauf vorzubereiten, bald das Land verlassen zu müssen. Ein Fehler, aber natürlich hat das die Menschen erschüttert. Anträge auf permanente Aufenthaltserlaubnis werden aus fadenscheinigen Gründen abgelehnt. Es gibt viele solcher Geschichten. Mir kann keiner erzählen, dass das Zufall sein soll.

Sondern eine Taktik?

Das ist die Politik von Theresa May, die vorher ja Innenministerin war. Sie will eine feindselige Atmosphäre schaffen, damit Ausländer gar nicht erst kommen, oder nicht mehr hier sein wollen.

Hat die Taktik Erfolg?

Auf jeden Fall. Immer mehr EU-Bürger verlassen das Land. Bei einer Umfrage der Initiative "the3million" (die sich für die Belange der EU-Ausländer in Großbritannien einsetzt; Anm. d. Red.) gaben nur 42 Prozent an, in Großbritannien bleiben zu wollen. Natürlich sind viele auch sehr verwurzelt hier, man kann nicht immer alles aufgeben.

Wie fühlt sich die Situation für die Menschen an?

Die Leute sind gekommen, um hier zu leben. Sie gingen davon aus, sie seien in der Gesellschaft als vollwertiges Mitglied willkommen und integriert. Zu bemerken, dass dies nicht so ist, war ein Schlag ins Gesicht. Dabei ist es das eine, dass die Regierung so handelt und viele Politiker auf dieser Anti-Immigranten-Schiene fahren. Schlimmer ist, dass sich auch sonst kaum jemand in der Gesellschaft für uns einsetzt. Dass keiner sagt: 'Das ist aber schrecklich, was da mit euch passiert.' Das Interesse ist gering. Ich habe immer vorhergesagt, dass die Briten für den Brexit stimmen würden. Aber dass wir EU-Bürger dabei so unter die Räder kommen, habe ich nicht erwartet.

Man hört von Angriffen auf EU-Bürger in Großbritannien, den sogenannten Hate-Crimes. Wie schlimm ist das ausgeprägt?

Der Brexit hat die Büchse der Pandora geöffnet, er ist die Ursache der Probleme. Das ging schon während des Wahlkampfs los. Seit dem Votum hat die Anzahl der Hate-Crimes stark zugenommen. Oft trifft es allerdings gar keine EU-Bürger, sondern Menschen mit anderen Hautfarben, die hier geboren und aufgewachsen sind.

Sind Sie persönlich betroffen gewesen?

Als ich einmal auf der Straße mit meiner Mutter am Telefon deutsch sprach, sagte mir jemand: Ich solle mich nach Hause verpissen. So etwas hat es vorher nie gegeben. Ich bin total erschrocken. Privat sagen mir Leute: 'Dir wird nichts passieren, dich meinen wir nicht.' Doch das ist das Schlimmste, da kann ich nur antworten: 'Aber wen meint ihr dann?'

Eigentlich galten die Briten immer als humorvolle, offene Menschen. Was ist da passiert?

Dafür gibt es zwei Erklärungen: Erstens haben es die Briten nie verwunden, ihr Empire verloren zu haben. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Nation riesigen Einfluss in der Welt. Nach den beiden Weltkriegen, die Britannien eigentlich gewonnen hat, kam ein großes, schwarzes Loch. Die Rolle der Nation ist nicht mehr definiert. Derzeit spricht man ernsthaft darüber, wieder eine königliche Yacht zu bauen, mit der man die Welt umschifft und Handelsabkommen abschließt. Man witzelt halb ernsthaft über das kommende Empire 2.0.

Und der zweite Punkt?

Die unglaublich ungerechte Verteilung der Wirtschaftskraft im Land. Fast alles fokussiert sich auf London, ein bisschen noch auf Manchester und den Nordwesten. Alles andere ist abgehängt und vernachlässigt. Hier in Newcastle gab es früher Kohle- und Schifffahrtindustrie - das ist alles tot. Man hat nie einen Plan entwickelt, wie es hier weitergehen soll. Und wenn jemand investiert hat, dann die EU. Das macht es noch verrückter, hier in der Region für den Brexit zu stimmen, denn nun geht es weiter bergab.

Was würden Sie sich wünschen von den Politikern?

Menschen vor Politik! Für EU-Bürger, die in Großbritannien leben, und Briten, deren Heimat nun ein EU-Land ist. Wir sitzen alle im gleichen Boot. Wir können nichts dafür. Wir durften auch nicht wählen bei der Brexit-Entscheidung. Meiner Meinung nach müsste jemand sagen: Alle Bürgerrechte sind klar. Ihr geht morgen zum Amt, kriegt einen Stempel in den Pass und das war's.

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