Brexit Briten begeben sich auf Crash-Kurs

Premierministerin May: Die Regierung halte Geld für jedwede Lösung bereit, also auch für einen Austritt ohne Verhandlungslösung mit der EU.

(Foto: imago/i Images)
  • Die Brexit-Verhandlungen könnten darauf hinauslaufen, dass es keinen Deal zwischen Großbritannien und der EU gibt.
  • Die britische Regierung hat Anfang der Woche die ersten sogenannten White Papers, informelle Vorlagen, für diesen Fall veröffentlicht.
  • In Brüssel werden die No-Deal-Gedankenspiele mit wachsender Besorgnis registriert.
Von Daniel Brössler, Brüssel, und Cathrin Kahlweit, London

Die Fragestunde der Premierministerin am Mittwoch war etwas unübersichtlich. Es wurde einfach zu viel durcheinandergebrüllt, was bedauerlich war, weil die "Prime Minister's Questions" um zwölf Uhr mittags im Unterhaus in der Regel sehr unterhaltsam und zudem die am häufigsten zitierte Quelle für Zitate und Nachrichten aus dem Parlament sind. Diesmal aber sagte, oder besser: brüllte Theresa May in die Zwischenrufe hinein, was in London besprochen, angedeutet oder lanciert wird: Es könnte tatsächlich alles darauf hinauslaufen, dass es keinen Deal mit der EU gibt.

Die Regierung halte Geld für jedwede Lösung bereit, sagte May am Mittwoch, also auch für einen Austritt ohne Verhandlungslösung mit der EU. "Und wenn es dazu kommt, dann wird das Geld eben dafür ausgegeben." Der Finanzminister beeilte sich zu versichern, dass er keineswegs in die Vorbereitungen für den sogenannten No-Deal-Fall investiere, bevor es nicht tatsächlich zum Crash mit Brüssel gekommen sei.

Brexit bedroht Strukturhilfe für Ostdeutschland

Wenn die Briten gehen, fehlen Milliarden Euro im EU-Haushalt. Das könnte zu Lasten strukturschwacher Regionen gehen. Auch ostdeutsche Bundesländer wären betroffen. Von Christian Gschwendtner mehr ...

Andere aber wünschen sich nichts sehnlicher als genau diesen Crash, weil sie No Deal für die beste aller Lösungen halten. Ein Ende mit Knalleffekt, gerader Rücken, stiff upper lip, keine Kompromisse mit den Bürokraten und Geldverschwendern in Brüssel. Am Montag hatte die Regierung tatsächlich die ersten sogenannten White Papers, informelle Vorlagen, für diesen Fall veröffentlicht. Inklusive konkreter Pläne, dass das Königreich dann eben auf Basis der World Trade Organisation (WTO) handeln müsse - und wo genau im Inland große Lastwagen-Terminals für die Zollabfertigung gebaut werden könnten.

Einer der prominentesten No-Deal-Verfechter ist der konservative Abgeordnete Jacob Rees-Mogg, der - mit näselndem Upper-Class-Akzent - May und allen Kollegen im Parlament erst am Montag mit unnachahmlicher Herablassung erklärt hatte, dass jeder Gedanke an eine Übergangsperiode, in der Brüssel weiter politisch und juristisch in London mitreden könne, zu weit gehe. Das würde bedeuten, "dass wir die EU nicht verlassen haben". Für Rees-Mogg, einen Darling der Brexiteers, ein Ding der Unmöglichkeit.

Wenn die EU den Deal will, muss sie einlenken, finden die Konservativen

Der Zwei-Meter-Mann, der sich dem Vernehmen nach bereits mit fünf Jahren bei den Tories als Parteimitglied registrieren ließ und mit 16, nach erfolgreichen Spekulationen an der Börse, bereits ein sehr reicher Teenager war, hat sechs Kinder, zahlreiche Luxuslimousinen, einen Abschluss in Oxford, einen berühmten Journalisten als Vater, einen Wahlkreis in North East Somerset und das unnachahmliche Air eines britischen Snobs.

Lange galt der radikale Euroskeptiker als Außenseiter; als Katholik war er zu moralisch, als Multimillionär zu wenig geerdet, als Reaktionär zu weit rechts selbst für die Tories. Aber der Brexit hat vieles verändert, und plötzlich ist einer wie Rees-Mogg jemand, über den man nicht nur lacht, sondern auch spricht. Zeitweilig galt er sogar mal als möglicher Nachfolger von May, und auch wenn das dann doch etwas sehr weit hergeholt ist, so kann der 48-Jährige doch eines sehr gut: sich und seine Anliegen im Gespräch halten und dabei so tun, als könne er rein gar nichts dafür, dass sich alle Welt rasend für ihn interessiert.

Was den Brexit ohne Deal angeht, ist der Mann aus Hammersmith glasklar. Im Interview mit der SZ sagt er: Niemand in Großbritannien müsse davor Angst haben, wenn die Verhandlungen mit der EU scheiterten. Das Königreich treibe weltweit mit vielen Ländern Handel und tue das sehr erfolgreich. London sei nicht erpressbar: "Wir haben das Geld, ihr habt Waren. Aber es wäre auch ein Leichtes für uns, in Zukunft die Regeln der WTO für unsere Handelsbeziehungen anzuwenden, dafür brauchen wir die EU nicht." Der Vorteil eines Abschieds ohne Deal? "Wir müssten nicht einmal 20 Milliarden Pfund an die EU zahlen, würden also sehr viel Geld sparen." Ein schlechter Deal, bei dem Großbritannien sogar solche "lächerlichen Summen wie 100 Milliarden Pfund zahlen soll", sei in jedem Fall schlimmer als gar keiner.