Bloggerin kämpft für Meinungsfreiheit in Ägypten Seht her, ich bin nackt, akzeptiert mich!

Sie trägt nur rote Schuhe und Netzstrümpfe: Ihre Nacktbilder will Aliaa Magda Elmahdy als Protest gegen die Zensur in Ägypten verstanden wissen. Blogger wie sie haben mitgeholfen, das Mubarak-Regime zu stürzen. Jetzt erleben sie, wie das Land trotzdem immer konservativer wird. Die Internetaktivisten wollen das ändern - aber viele Liberale fürchten, das helfe eher den Islamisten.

Von Jan Hendrik Hinzel

Schlecht belichtet und lieblos in Szene gesetzt sind die Fotos, die derzeit viele Ägypter in Aufregung versetzen. Der künstlerische Wert ist nebensächlich. Was zählt, ist das Motiv: eine Frau, beinahe nackt, nur mit Netzstrümpfen und roten Schuhen bekleidet. Ein Pin-up-Girl, wie es im Internet auf Tausenden Websites zu sehen ist. Auch in Ägypten.

Die Bloggerin Aliaa Magda Elmahdy auf ihrem Nacktfoto im Internet: "Mein Körper gehört mir."

(Foto: arebelsdiary.blogspot.com)

Doch dieses Bild ist anders. Die Frau, die hier posiert, ist kein anonymes Nacktmodell, dass islamistische Konservative als Erscheinung westlicher Verkommenheit verdammen könnten. Die Frau ist Ägypterin, sie lebt in Ägypten. Zumindest gibt sie das an. Sie hat die Fotos auf ihrem Blog unter ihrem Namen veröffentlicht. Sie heißt Aliaa Magda Elmahdy und sagt: "Mein Körper gehört mir."

Mubarak ist weg, die Tabus sind geblieben

Das Bild ist ein Affront, denn in Ägypten herrscht Zensur. Das war unter dem Mubarak-Regime so, und es ist nach dem Sturz des Diktators unter dem jetzt herrschenden Militärrat nicht viel besser geworden. Presse- und Meinungsfreiheit sind weiterhin eingeschränkt. Nacktheit und Sexualität sind gesellschaftliche Tabus. Wer darüber spricht, muss um seine Sicherheit fürchten. Das gilt für Aliaa Magda Elmahdy und für andere Aktivisten, die im Internet aufbegehren.

Blogger und Twitter-Nutzer hatten maßgeblichen Anteil daran, dass das Mubarak-Regime zusammenfiel. Nun müssen sie einsehen, dass der Sturz des Herrschers nicht automatisch das gesellschaftliche Klima verändert hat. Ägypten bleibt konservativ. Und der Einfluss der Religion wächst.

Fernsehshows religiöser Prediger erfreuen sich großer Beliebtheit. Die Zahl der Kopftücher in der Öffentlichkeit steigt, wie ein Video auf Youtube eindrücklich zeigt. Zu sehen sind die Absolventinnen der Universität Kairo im Laufe der Zeit - zunehmend verschleiert.

Mubarak hatte sich gegenüber dem Westen stets damit gerühmt, die Islamisten in die Schranken gewiesen zu haben. Er ließ die Muslimbrüder einsperren. Aber andere religiöse Strömungen wie die Salafisten hatten weitgehend freie Hand. Solange sie keine politische Teilnahme einforderten, ließ das Regime sie gewähren. Nach dem Sturz beanspruchen sie nun beides: politischen und gesellschaftlichen Einfluss.

Hinzu kommt, dass viele Ägypter, die einst als Gastarbeiter in Saudi-Arabien arbeiteten, in ihr Land zurückkehren. Sie bringen nicht nur Geld mit, sondern auch die konservative wahhabitische Auslegung des Islam, wie sie in Saudi-Arabien gelebt wird.

Tritte für das Kopftuch

Mit zunehmendem Selbstbewusstsein vertreten islamistische Konservative ihre radikalen Ansichten. So verlangte Abdel Monem al-Shahat, der Sprecher einer salafistischen Gruppe, von einer Fernsehmoderatorin, dass diese ein Kopftuch anziehen müsse. Andernfalls werde er ihr kein Interview geben.

Es sind solche religiösen Eiferer, die Aliaa Magda Elmahdy provozieren möchte. In einem der Bilder bedecken gelbe Balken ihre Augen, ihren Mund und ihre Scham. "Die Balken sollen unsere Zensur von Wissen, Ausdruck und Sexualität darstellen", erklärt die Bloggerin. Auf ihrer Facebook-Seite legt sie nach. Dort tritt sie auf einem Bild mit ihrem Schuh auf ein am Boden liegendes Kopftuch.

Schuhe zu zeigen allein gilt in der islamischen Welt schon als Beleidigung. Damit auf ein religiöses Symbol wie das Kopftuch zu treten, ist für viele Ägypter unfassbar. Sie werde in der Hölle landen, heißt es in einigen Kommentaren unter den Bildern. Wie solle man Respekt vor ihr haben, wenn sie selbst keinen Respekt vor anderen und deren Religion habe?